Supervenienz
Die Grundidee ist die folgende: Eine Eigenschaft A superveniert genau dann über einer Eigenschaftsfamilie B, wenn es keine Änderung von A gibt, ohne eine Änderung von B. Ein Beispiel: Meine Uhr hat die Eigenschaft wasserdicht zu sein. Diese Eigenschaft superveniert über den physischen Eigenschaften der Uhr, da folgendes gilt: Wenn die Uhr wasserundicht wäre, so wären auch die physischen Eigenschaften der Uhr anders.
Die Einführung des Supervenienzbegriffs in der Ethik
Der Begriff "Supervenienz" hat seinen modernen Ursprung in der Ethik. Es besteht weitgehende Einigkeit, dass sich die Ethik aus prinzipiellen Gründen nicht auf eine Naturwissenschaft (oder gar die Physik) reduzieren lässt. Die Ethik bewertet Handlungen und stellt normative Gebote auf. Dadurch operiert sie in einem begrifflichen Rahmen, der durch die Naturwissenschaften nicht einzuholen ist. Zu Sätzen wie „X ist gut.“ oder „Man soll nicht Y tun.“ gibt es kein Äquivalent in einer Naturwissenschaft. In diesem Sinne ist die Ethik irreduzibel.
Die grundlegende Beobachtung, die zum Supervenienzbegriff führt, ist, dass der moralische Wert einer Handlung dennoch nicht unabhängig von dem physischen Geschehen ist. Es kann nämlich nicht sein, dass zwei Situation sich in ihren physischen Eigenschaften komplett gleichen, jedoch unterschiedliche moralische Eigenschaften haben. Das bedeutet: Wenn ich alle physischen Eigenschaften festgelegt habe, so habe ich auch alle moralischen Eigenschaften festgelegt. Mit anderen Worten: Die moralischen Fakten supervenieren über den physischen Fakten.
Supervenienz in der Philosophie des Geistes
In der Philosophie des Geistes wird der Supervenienzbegriff oft verwendet, um dass Verhältnis von physischen und mentalen Eigenschaften zu beschreiben. Viele Philosophen gehen davon aus, dass das Mentale sich nicht auf das Physische reduzieren lässt. Dennoch besteht offenbar eine Abhängigkeitsbeziehung: Ein Eingriff in unser Gehirn (ins Physische) hat ganz offensichtlich Wirkungen auf unser mentales Innenleben. Umgekehrt setzt eine Veränderung unseres mentalen Innenlebens eine Veränderung in der physischen Welt voraus. In diesem Sinne superveniert das Mentale über dem Physischen.
Supervenienz und Physikalismus
Der Physikalismus ist die These, dass alle exisierenden Entitäten letztlich physische Entitäten sind. Doch wie lässt sich diese These genauer spezifizieren? Ist ein Physikalist etwa darauf fest gelegt, dass sich alle Entitäten auf physische Entitäten reduzieren lassen? Ein Spezifikationsvorschlag lautet nun: Der Physikalismus besagt, dass alle Eigenschaften über physischen Eigenschaften supervenieren. Hier muss allerdings weiter geklärt werden, welche Art der Supervenienz gemeint ist. (Siehe nächsten Abschnitt.)
Der Versuch, den Physikalismus durch den Supervenienzbegriff zu erklären, hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Dies liegt unter anderem daran, dass er einen Ausweg aus einem metaphysischen Dilemma verspricht. Das Dilemma entsteht, wenn man zum Einen vom Physikalismus überzeugt ist und zum Anderen den Reduktionismus für falsch hält, also der Meinung ist, dass sich nicht alle Entitäten auf die grundlegenden physischen Entitäten zurück führen lassen.
Die Idee ist, das Dilemma aufzulösen, indem man behauptet: Die nichtreduzierbaren Eigenschaften supervenieren lediglich über den physischen Eigenschaften. Dies würde zum Einen die physikalisistische Intuition retten, dass allgemein alle Eigenschaften durch die physischen Eigenschaften festgelegt werden. Zum Anderen bliebe jedoch die Nichtreduzierbarkeit bestehen. Die entscheidende Frage ist, ob es tatsächlich eine konsistente Formulierung des Supervenienzbegriffs gibt, die einem nichtreduktiven Physikalismus gerecht wird. Hier wurden verschiedene Formulierungen vorgeschlagen.
Die Vielfalt der Supervenienzbegriffe
In der Forschungsliteratur werden mittlerweile dutzende Supervenienzbegriffe diskutiert. Dies weist zum Einen auf die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Grundidee hin, zeigt jedoch auch eine gewisse Unklarheit, die mit dem Konzept „Supervenienz“ noch immer verbunden ist. Hier sind nur die systematisch notwendigen Spezifizierungen ausgeführt.
De facto Supervenienz
Die Eigenschaft A superveniert de facto über der Eigenschaftsfamilie B, wenn es keine Veränderung von A gibt, ohne eine Veränderung von B. Wenn also jeder Gegenstand, der ein Herz besitzt, auch eine Niere besitzt, so superveniert die Eigenschaft ein Herz zu besitzen über der Eigenschaft eine Niere zu besitzen. De facto Supervenienz in Bezug auf die Philosophie des Geistes hieße: Es gibt keine Veränderung der mentalen Eigenschaften ohne Veränderung der physischen Eigenschaften
Meistens wird die de facto Supervenienz als nicht ausreichend für den Physikalismus angesehen. Wenn B über A nur de facto superveniert, so handelt es sich hier um keine notwendige Beziehung: In Bezug auf die Philosophie des Geistes hieße dies: Es hätte auch so kommen können, dass Wesen mit den gleichen physischen Eigenschaften verschiedene mentale Eigenschaften haben. Dies scheint aber mit keinem Physikalismus vereinbar, denn das Mentale ist in diesem Bild gar nicht von dem Physischen abhängig.
Starke Supervenienz
Als Reaktion auf diese Probleme kann eine starke Supervenienzbeziehung formuliert werden, die ein Element der Notwendigkeit in die Supervenienzbeziehung bringt: Die Eigenschaft A superveniert stark über der Eigenschaftsfamilie B, wenn es keine Veränderung von A geben kann, ohne eine Veränderung von B.
Die entscheidende Frage ist, ob und wie die Rede von Notwendigkeit hier spezifiziert werden kann. Es bieten sich zunächst zwei Möglichkeiten an: Die Notwendigkeit könnte sich aus einem naturgesetzlichen Zusammenhang von A und B ergeben (nomologische Supervenienz) oder aus einem logischen Zusammenhang (logische Supervenienz).
Die nun in der Philosophie des Geistes heiß diskutierte Frage ist, in welchem Sinne mentale Eigenschaften über physischen Eigenschaften supervenieren. Die Antwort auf diese Frage entscheidet nämlich zu weiten Teilen über den ontologischen Status von mentalen Zuständen. Nur einige Supervenienzformulierungen können als physikalistisch gelten. Umstritten ist auch, ob es eine Supervenienzthese gibt, die physikalistisch ist und gleichzeitig nicht reduktiv.
Literatur
- Ansgar Beckermann (2000a): Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, Berlin: Walter de Gruyter (Ein gute Übersicht über die Grundgedanken)
- David Chalmers (1996) : The Conscious Mind, Oxford: Oxford University Press (Versuch mit Supervenienzgedanken einen Eigenschaftsdualismus zu etablieren)
- Jaegwon Kim (1993) Supervenience and Mind Cambridge, Cambridge University Press (Sammlung von Kims bahnbrechenden Aufsätzen)
- Jaegwon Kim (Hg.) (2000) Supervenience Cambridge, Cambridge University Press (Beste Sammlung mit Texten zum Thema)
Weblinks