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Shaktismus

Der Shaktismus ist eine hinduistische religiöse Lehre, in der in einem Kult um weibliche Gottheiten, der Shakti, der weiblichen Urkraft des Universums, eine ausschlaggebende Bedeutung im Heilsgeschehen und im Weltprozess zugeschrieben wird, indem die männliche Gottheit nur durch ihre Shakti handelt. Dabei ist die Stellung der weiblichen Gottheiten innerhalb der einzelnen Kulte unterschiedlich. Sie kann den philosophischen Zentralbegriff darstellen oder das Attribut eines männlichen Allgottes sein oder eine gebieterische, gütige oder grausame Muttergöttin, bis zur Teilnehmerin am himmlischen Hofe des Shiva.

Der Shaktismus ist eng verwoben mit dem indischen Tantrismus und in jedem hinduistischen Kult gibt es weibliche Gottheiten. Die Abgrenzung zu diesen Kulten liegt darin, daß im Shaktismus eine oder mehrere Göttinnen, die als Energien aufgefasst werden, das Heilsgeschehen und die Prozesse der Welt unmittelbar bedingen und in einem Kult verehrt werden.

Der Shaktismus ist neben Shivaismus und Vishnuismus eine der drei Hauptrichtungen des Hinduismus und hat sich zwischen dem 4. und dem 7. Jahrhundert entwickelt. Der Shaktismus entstand historisch gesehen in seiner ausgeprägten Form nach dem Tantrismus und hatte seine Hochzeit im 8. bis 10. Jahrhundert, in dem auch viele seiner Texte entstanden. Seine Ursprünge lassen sich jedoch bereits in den Veden finden und bei der drawidischen Urbevölkerung Indiens.

Formen des Shaktismus

Formen des Shaktismus sind zum Bespiel die Verehrung der Göttin Durga, die mit dem Absoluten, dem Brahman eins ist und als Herrin der Welt und der anderen Götter betrachtet wird. Auch Shiva ist von ihr abhängig, er existiert durch sie und sie ist als Mahayogini Schöpferin, Zerstörerin und Erhalterin der Welt, die in Ewigkeit existiert. Ihre Attribute sind der Dreizack Shivas, der Diskus Vishnus, der Donnerkeil Indras, die Schlinge Varunas und andere Symbole, die die Götter ihr gaben. Durga ist in Indien die beliebteste Göttin und wird auch als ideale Gattin und Mutter verehrt.

Die Shakti tritt in anderen Kulten auch als Lalita auf, eine rotfarbige Göttin, die auf Shivas Schoß sitzt und deren Symbole der Zuckerrohrbogen (ein Symbol des menschlichen Geistes), Blumenpfeile (die Welt der Sinne), das Netz (Symbol der Liebe und des Verlangens) und die Keule (Symbol von Zorn und Abneigung) sind.

In einigen eher philosophischen Richtungen des Shaktismus gilt die Shakti als kinetischer Aspekt des Brahman, des einzig wahrhaft Seienden, die alles aus sich hervorgehen lässt, in sich trägt, wieder zurücknimmt und die Maya, die manifestierte Welt und die darin enthaltene Polaritäten hervorbringt und selbst ist.

Die Verehrer dieser großen Mutter, die Shaktas, sind zumeist auch dem Shivaismus verbunden, während im Vishnuismus die weibliche Gottheit eine nicht so große Rolle spielt.

In anderen Formen des Shaktismus hat die Shakti nicht die gleiche überragende Stellung, sondern wird als die immanente Schöpfungsmacht des männlichen Shiva gedacht und gilt als Erscheinungsform der letzten Realität. Der Gott symbolisiert hier das Absolute in seinem ruhenden Aspekt, während die Shakti aus ihm hervorgeht und als Energie, die alles schafft, erhält und vernichtet gilt. Die Shakti ist die Energie des erlösenden Wissens, des Willens und des Handelns. Der männliche Gott gilt hier als passives Prinzip, die Göttin als aktives Prinzip (Prakrti), das gebiert, nährt und erhält, und die zusammen eine metaphysische Einheit bilden.

In den shivaitischen Richtungen gibt es dabei Unterschiede hinsichtlich der Bedeutung der Shakti, was sich in der Ikonographie spiegelt. Manchmal steht sie auf dem unbeweglichen, passiven Leib des Shiva, manchmal bilden beide einen zweigeschlechtlichen Ardhanarishvara (Herr, der halb Frau ist), manchmal sitzt sie auf Shivas Schoß (Uma-Maheshvara).

In einigen Richtungen des Shaktimus ist die Shakti auch Kali, die wie die Natur grausam und unberechenbar ist und blutige Opfer fordert. Im Kali-Kult werden Geburt und Tod, Entstehen und Vergehen, Schönheit und Schrecken des Lebens als Einheit aufgefasst und der Gläubige verehrt auch die dunklen Seiten der Kali, huldigt ihr auf Leichenverbrennugsplätzen und brachte früher sogar Menschenopfer dar. Allerdings gilt Kali auch als Erlöserin und liebende Beschützerin, die dem Menschen in seinem Kampf gegen die Verstrickungen der Sinneswelt, die Gebundenheit an die Welt und den Tod helfen kann.

In der Verehrung der Shakti erscheinen auch nicht selten tantrische Rituale wie das Pancatattva, der Genuß von Rauschtrank (Mada), Fisch (Matsya), Fleisch (Mamsa), Getreide (Mudra) und sexueller Vereinigung (Maithuna), da angenommen wird, daß diese Dinge der Erscheinung der Shakti zugehörig sind, sie durch religiöse Ritualisierung auf ein höheres Niveau gehoben werden können und die Befriedigung der Bedürfnisse auf diese Art und Weise eine Umwandlung in göttliche Prozesse erfahren kann. Maithuna wird jedoch nur von wenigen Shaktas tatsächlich ausgeführt, viele lehnen sie ab oder führen sie nur symbolisch aus. Jedoch war und ist die sakrale Prostitution häufig eine Begleiterscheinung des Shaktismus und der Geschlechtsakt wurde als Unio mystica mit der großen Mutter, der Göttin des Lebens, der Liebe und der Fruchtbarkeit erfahren.



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