Radikaler Konstruktivismus
Es gibt populäre Auffassungen zum Radikalen Konstruktivismus, in welchen über die Wirklichkeit der Wirklichkeit "philosophiert" wird. Im Radikalen Konstruktivismus kommt die Wirklichkeit gar nicht vor.
Der Radikale Konstruktivismus wurde in Deutschland vor allem durch Veröffentlichungen von Paul Watzlawick populär. Die wichtigsten Vertreter des Radikalen Konstruktivismus sind Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Humberto Maturana, Francisco Varela.
Ein zentrales Postulat des radikalen Konstruktivismus sagt, dass all unser Wissen über die Realität konstruiert ist und dass eine objektive Erkenntnis nicht möglich sei. Danach ist der Mensch ein operationell geschlossenes System (wie es in der Kybernetik beschrieben wird), und jede Erkenntnis ist eine Konstruktion, die aus der Autopoiesis des Wahrnehmenden heraus geschieht.
Alles was hier über den Radikalen Konstruktivismus steht, ist also ein Konstruktion eines Menschen. Der Radikale Konstruktivismus existiert nicht objektiv. Jeder Mensch kann ihn konstruieren und für seine Konstruktion die Verantwortung übernehmen.
| Inhaltsverzeichnis |
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2 Realität 3 Ethik 4 Abgrenzung 5 Andere Konstruktivismen 6 Geschichte 7 Kritik 8 Fußnoten 9 Siehe auch 10 Weblinks |
Erkenntnistheoretischer Subjektivismus
Insbesondere Glasersfeld betont den erkenntnistheoretischen (oder eigentlich kognitiven) Subjektivismus des radikalen Konstruktivismus: er untersucht das Erfahrungmachen, nicht die Herstellung von "Realität". Glasersfeld vertritt die Annahme,
- "daß alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert, und daß das denkende Subjekt sein Wssen nur auf der Grundlage seiner Erfahrung konstruieren kann."1
Realität
Wenn Wissen an Menschen und ihre Aktivitäten zum Wissenserwerbs gebunden ist, dann kann diese Erkenntnistheorie nicht den Anspruch erheben, eine sujektunabhängige Realität zu beschreiben.2 Im Radikalen Konstruktivismus wird nicht etwa geleugnet, dass es eine Welt "dort draußen" gibt. Vielmehr wird betont, dass uns diese Welt nur via Beobachtung zugänglich ist, d.h. immer schon eine interpretierte Welt ist, über die wir uns nur kommunikativ verständigen/einigen können; es gibt also keine objektive Wirklichkeit, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen zugänglich wäre.
Ethik
"Der Konstruktivismus kann keine Ethik produzieren," meint Ernst von Glasersfeld. Der radikale Konstruktivismus hat also keine eigene Ethik hervorgebracht. Dennoch ergeben sich daraus gewisse ethische Konsequenzen, wie etwa, daß die Verantwortung für alles Tun und Denken muß dem zugerechnet werden, zu dem sie gehört: dem einzelnen Individuum. Andererseits akzeptiert er andere Menschen auch als "autonome Konstrukteure". Grundsätzlich müssten Konstruktivisten alle möglichen Ideologien tolerieren, weil sie jeweils viabel konstruiert werden.3
Abgrenzung
Der Konstruktivismus befindet sich somit im Gegensatz zum Induktivismus und zum Falsifikationismus, geht jedoch nicht so weit wie der Solipsismus.
Zwar entspricht der Prozess der Entwicklung neuer und besserer Theorien jenem, der im Rahmen des Falsifikationismus angenommen wird. Allerdings wird verneint, dass diese Theorien die Realität auch besser (oder überhaupt) beschreiben können. Als Kriterium für den Bestand von Theorien legt der Konstruktivismus vielmehr an, dass diese lediglich viabler (von via: der Weg, also eigentlich: gangbarer) oder passender sind als andere bzw. die gesehenen Probleme besser lösen. Aus dieser Viabilität kann keine Schlussfolgerung über eine reale Welt abgeleitet werden, denn zahllose andere Schemata könnten genauso gut funktioniert haben.
Dem Instrumentalismus, der in großen Teilen davon ausgeht, Theorien entwickelten sich evolutionär und unpassende Modelle der Realität würden somit zwangsläufig von passenderen, näher an der Realität stehenden Vorstellungen von der Welt ersetzt, stellt der Konstruktivismus entgegen, dass die einzige Motivation, eine bestehende Theorie oder Weltvorstellung zu ändern, nur die Kollision mit der "wahren" Realität sein kann. Anpassung verlange jedoch lediglich, dass Reibungen und Kollisionen vermieden werden. Von einer Annäherung an eine objektive Realität kann also nicht gesprochen werden.
Der Relativismus sieht wissenschaftliche Paradigmen sogar als Sache des Glaubens an, die jeweils nur innerhalb einer bestimmten Wissenschafts-Kultur als wahr oder falsch gelten können.
Andere Konstruktivismen
Es gibt ziemlich viele Varianten von Konstruktivismus, unter anderem den Erlanger Konstruktivismus, die - wie auch J. Piaget selbst - einfach nicht so radikal auf die Realität verzichten wollen. (Zur Abgrenzung siehe Konstruktivismus (Philosophie))Eine gegenüber diesem grundsätzlich erkenntnistheoretischen Standpunkt eingeschränkte Position vertritt der Sozialkonstruktivismus. Als konstruiert wird hier nur die Welt des Sozialen angenommen. Die objektive Welt der Natur bleibt weiterhin objektiv zu erkennen.
Der radikale Konstruktivismus ist nicht mit dem Erlanger Konstruktivismus zu verwechseln. Letzterer ist eine aus der mathematischen Logik heraus entstandene Wissenschaftstheorie. Weitere Spielarten des Radikalen Konstruktivismus sind:
Geschichte
Ernst von Glasersfeld lehrte Psychologie und dabei behandelte er insbesondere das Werk von J. Piaget, das er als Konstruktivismus auffasste, weil J. Piaget von Konstruktionen der Realität spricht. Er nannte seine Leseweise "Radikalen Konstruktivismus", weil er auf die Erkenntnis von Realität ganz verzichtete.
Heinz von Foerster, mit welchen E. von Glasersfeld befreundet war, entwickelte seine Systemtheorie 2. Ordnung, die aus kybernetischen Gründen auf eine Erkenntnis der Realität verzichtete. Beide Autoren beziehen sich auf die operationelle Geschlossenheit von kybernetischen Systemen, die explizit von W. Asby und von W. Powers beschrieben wurde.
1970 veröffentlicht der chilenische Physiologie-Professor Humberto R. Maturana den Forschungsbericht Biology of Cognition, in dem er eine durch biologische Studien fundierte kybernetische Theorie der Wahrnehmung vorstellt. H. Maturan hat danach bei Heinz von Foerster gearbeitet, wodurch seine Theorie, die Autopoisis, mit der Systemtheorie 2. Ordnung und mit dem Radikalen Konstruktivismus vermischt wurde. H. Maturana hat aber immer von Autopoise gesprochen, nie vom Konstruktivismus.
Vertreter in Deutschland sind unter anderen der Neurobiologe Gerhard Roth und der Literaturwissenschaftler Siegfried_J._Schmidt.
Kritik
Von Kritikern wird häufig angeführt, dass der radikale Konstruktivismus sich selbst widersprechen würde. Zum einen lehne er eine objektive Erkenntnis im Sinne des Positivismus ab, zum anderen würden aber genau solche Erkenntnisse zum Beweis der Theorie angeführt. Weiterhin wird kritisiert, dass nach dem radikalen Konstruktivismus keine wissenschaftliche Erkenntnis mehr möglich sei, da der Mensch die Wirklichkeit nicht direkt wahrnehmen könne.
Viel häufiger ist der Begriff radikaler Konstruktivismus Gegenstand der Kritik. Unter anderem führte dies bereits zu einer Umbenennung "benachbarter" Theorien, wie dies etwa Peter Janich beim methodischen Kulturalismus Ende der 1990er vollführte. Kritiker werfen den Vertretern des radikalen Konstruktivismus vor, sie würden nur alte Erkenntnisse nehmen und diese in einem modernen Gewand neu verpacken. Insbesondere in der Philosophie seien die gedanklichen Figuren des radikalen Konstruktivismus schon seit langem in der Diskussion.
Fußnoten
1Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, 1997, S. 11.2Siegfried J. Schmidt, in: Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, 1997, S. 12.
3Ernst von Glasersfeld im Dritten Siegener Gespräch, abgedruckt in: Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, 1997, S. 335 - 336.
Siehe auch
- soziologische Systemtheorie
- Aufmerksamkeit als Wahrnehmung
- Evolutionäre Erkenntnistheorie
- Epistemologie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie
- Jean Piaget
- Portal Philosophie
Weblinks
- at.indymedia.org: "Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit"
- at.indymedia.org: Herrschaft und Realität
- Konstruktivismus als Erklärungsprinzip Merkmale und zentrale Charakteristika des Konstruktivismus
- Generelle Einführung
- Über Gerhard Roth: http://www.hanjoheyer.de/Gehirn.html
- Englischsprachiges Portal der Uni Wien "Radical Constructivism"
- Radikaler Konstruktivismus, praktische Anwendungen, Konstruktivismus und Welttheater, Projekt "Realtheater", Links: http://www.radikaler-konstruktivismus.de
- Konstruktivismus (constructivism): http://www.constructivism.com; http://www.sgipt.org/wisms/konstr0.htm
- Was ist die "Wirklichkeit"?: http://www.Psychotherapiepraxis.at/pt-archiv.phtml
- Transdisziplinäre Verknüpfung und Kontrastierung zentraler zeitgenössischer Theorieansätze Dekonstruktion einerseits sowie Systemtheorie und Radikaler Konstruktivismus andererseits im Hinblick auf die Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion von Geschlecht bzw. Gender: http://differenzen.univie.ac.at/
- Radikaler Konstruktivismus, praktische Anwendungen, neue Projektideen, Konstruktivismus und Welttheater, Links, Forum: http://www.radikaler-konstruktivismus.de
- Zum Entwurf eines materialistischen Konstruktivismus: http://www.hjjenter.de/Philosophie/philosophie.html
- http://www.eberhard-eckerle.de/theo_im.html
- http://www.eberhard-eckerle.de/theo_2.html
- Werner Stangl: Das neue Paradigma der Psychologie - Die Psychologie im Diskurs des Radikalen Konstruktivismus (Download des inzwischen vergriffenen Buches)
- Eine Kritik am Vulgärkonstruktivismus