Hauptseite | Deutsche Enzyklopädie

Komplexitätsmanagement

Komplexität ist ein aus der modernen Systemtheorie entstandener Begriff. Er bezeichnet Managementmethoden, aber auch den Sachverhalt einer bestimmten Art von Management, die auf dem Umgang mit Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten basieren. (engl.: management by complexity)

Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Elemente des Komplexitätsmanagements
3 Zusammenfassung
4 Literatur
5 Stichwörter

Einleitung

Management, das auf den Umgang mit Komplexität abzielt, sieht die eigene Organisation als ein dynamisches System, das den Kontakt zur Umwelt über qualifizierte Instrumente herstellt, die die innersystemische Dynamik durch Ausbilden von Quasi-Objekten (auch: Ordner, Attraktoren, objects of Eigenbehaviour) stabilisieren.

Elemente des Komplexitätsmanagements

Komplexität

Zunächst eine Abgrenzung: Komplexität meint nicht Kompliziertheit.

Komplexität bedeutet, dass mehr Elemente in einem System vorliegen, als dieses präzise verknüpfen kann. Ein System muss also auswählen, welche Elemente es wie zueinander stellt. Da diese Wahl innerhalb des Systems stattfindet, also auch Elemente des Systems braucht, um überhaupt entstehen zu können, ist ein Anschluss an alte Konzepte der Rationalität untauglich.

Beispielhaft sei die Alltagserfahrung genannt. Jedem Menschen begegnet der Alltag mit einer Unzahl an Elementen, angefangen vom Bett, aus dem ich aufstehen muss und der Kleidung, die ich anziehen sollte, bis hin zu beruflichen und freizeitlichen Tätigkeitsfeldern. Alle diese Elemente miteinander zu koordinieren, dürfte schwer fallen. Menschen müssen also auswählen, wie sie Elemente miteinander kombinieren: man ordnet dem Chef die Akten und spielt mit dem Freund Tennis und nicht: umgekehrt.

Umwelt

Komplexität liegt auch dann vor, wenn die Umwelt selber komplexe dynamische Systeme vorweist.

Humberto Maturana und Francisco Varela, zwei chilenische Biologen, haben dafür die entscheidende Grundlage gelegt: Umwelt ist alles, wovon sich ein System abgrenzt und abgrenzen kann.

Die Umwelt wird im System nicht abgebildet, sondern rekonstruiert. Und diese Rekonstruktionen werden dann einem evolutionären Erfolg unterstellt, d.h. das System prüft über die Funktionalität einer Rekonstruktion, ob es sich damit stabilisieren kann.

System

Systeme, die eigendynamisch sind, werden heute massenhaft behandelt und liegen, folgt man der Literatur, auch massenhaft vor. Zellen sind ebenso eigendynamisch wie das Immunsystem, das Nervensystem, bzw. Teile davon, wie z.B. das Gehirn, das Bewusstsein ist eigendynamisch, die Gesellschaft, die Wirtschaft, das Recht, die Kunst, und z.B. Organisationen wie Unternehmen.

Systeme definieren sich dadurch, dass sie fähig sind, ihre Abgrenzung zur Umwelt aufrechtzuerhalten, d.h. den Kontakt zur Umwelt in der Weise abzubrechen, dass sie nicht mehr direkt zusammenwirken.

Das System ordnet sich selber und schafft seine eigenen Kausalitäten.

Die Aufgabe des Managements besteht genau darin, solche Kausalitäten zu schaffen. Werden z.B. Qualitätskriterien eingeführt, dann stecken darin konstruierte Kausalitäten, die behaupten, dass ein bestimmter Sachverhalt, ein bestimmtes Projekt, ein bestimmtes Ziel unter diesen oder jenen Bedingungen Erfolg verspricht.

Quasi-Objekte

Wirkende Kausalitäten sind so genannte Quasi-Objekte. Quasi-Objekte nennt man Rekonstruktionen im System, die anstelle von Gegenständen oder Sachverhalten in der Umwelt genutzt werden.

Ein Beispiel: Bedenkt man, dass Menschen, wenn sie einen schlichten roten Ball wahrnehmen, diesen über das Auge wahrnehmen, dort in neuronale Impulse auflösen und das Zusammensetzen dieses Balls zu einem Gegenstand, den ich ins Tor schießen kann, trotzdem geleistet wird, kommt man zu der Annahme, dass die Rekonstruktion des Gegenstandes „Ball“ geglückt ist. Bedenkt man, dass die gesamte physische Umwelt des Menschen aus solchen Gegenständen besteht, die sich vorübergehend in neuronale Impulse aufgelöst haben, kann man sich (zunächst) nur wundern, wie das Gehirn all dies leistet.

Im Gehirn, wie im Management, bilden sich stabile Objekte aus, die sich über ihre Verwendung auf ihre Plausibilität überprüfen. Quasi-Objekte sind deshalb evolutionär gebildete Wahrscheinlichkeiten, die aus der Umwelt rekonstruiert sind und über ihre Funktionalität aufbewahrt oder verworfen werden.

In Unternehmen sind dies z.B. Planungen wie Projekte, Stellen mit entsprechenden Personen, Akten, Datentabellen, Qualitätskriterien, usw.

Instrumente

Systeme führen sich selbst und geraten damit in Gefahr, im Blindflug an der Umwelt vorbeizuziehen. Wären Systeme unabhängig von der Umwelt, wäre dies nicht tragisch. Systeme partizipieren jedoch an der Umwelt, indem sie daraus nötige Elemente aufnehmen, um diese dann unter ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten zu stellen.

Unternehmen z.B. entnehmen ihrer Umwelt Zahlungen und wandeln diese in Besitz um. Dabei sind Unternehmen so komplex, dass sie der Umwelt sogar Zahlungen entnehmen können, die nicht in Besitz umgewandelt wird: dies leistet z.B. die Marktforschung. Marktforschung hat das Ziel, d.h. die innersystemische Aufgabe, eine bestimmte Umwelt des Unternehmens in Daten umzuwandeln, auf deren Basis dann das Unternehmen selbst Zahlungen umwandeln kann.

Der evolutionäre Erfolg von Marketing kann heute kaum bezweifelt werden. Trotzdem kann das Marketing die Umwelt nur über die entsprechenden Instrumente rekonstruieren, die sich, zeitgleich mit dem Marketing durchgesetzt haben. Solche Instrumente beobachten Unternehmen im Wissenschaftsbetrieb. Dort heißen sie quantitative Datenerfassung, Methoden u.ä.

Während aber die Wissenschaft den rein rechnerischen Umgang mit solchen statistischen Formeln pflegt, will das Unternehmen z.B. Risiken begrenzen, Koordinaten für Entscheidungen herstellen oder (Teil-)Erfolge überprüfen.

Das Unternehmen stellt also auch Instrumente unter ihre eigenen Gesetzlichkeiten und stabilisiert sich darüber.

Entscheidungen

In komplexen Systemen sind Entscheidungen immer mit Risiken behaftet. Man fliegt, wie Luhmann dies einmal sagte, bei geschlossener Wolkendecke und muss sich auf seine Instrumente verlassen.

Entscheidungen sind deshalb nicht mehr als richtig oder falsch zu werten, sondern als günstig oder weniger günstig, wobei sich dies dann nach dem evolutionären Erfolg einer Entscheidung richtet. Das heißt auch, dass Entscheidungen ihre Bedingungen rekonstruieren, ihre Begründung aber erst in der Zukunft erfahren.

Im Management werden solche Entscheidungsunsicherheiten z.B. durch Controlling, durch fortlaufenden Abgleich laufender Prozesse, durch Erfahrung und Wissen absorbiert.

Programme

Eine andere Strategie, mit komplexen Anforderungen umzugehen, sind Programme. Unter Programmen versteht man hinreichend geregelte Abläufe. So sind z.B. bestimmte Akten in bestimmter Weise anzulegen. Prozesse sind unter bestimmten Bedingungen anders zu behandeln als unter anderen Bedingungen. Planungen werden in einer bestimmten Weise angefertigt, in einer anderen Weise aber ausgeführt.

Programme sind zudem in der Lage, eine große Anzahl von Menschen zu koordinieren, und zugleich ihren Kontakt zu minimieren. Dazu dienen Aufgabenbereiche. Die Sekretärin muss gut Schriftsätze verfertigen können, unterschreiben darf sie aber nicht. Controller erstellen Bedingungen von Entscheidungen, entscheiden dürfen sie nicht. Ob sich die Sekretärin noch dazu als hervorragende Kennerin von Goethe hervortut, oder der Controller die asiatische Küche aus dem Eff-eff beherrscht, spielt dabei keine Rolle.

Simulation

Ein immer wichtiger werdender Aspekt im Komplexitätsmanagement ist die Simulation. Dies sind neben Planspielen immer öfter Computerprogramme (z.B. ARIS), die Unternehmensverläufe komplex simulieren können, da sie lernfähig sind und sich in sich selbst weiter entwickeln. Dadurch wird dem Unternehmen ermöglicht, verschiedene Entwicklungen durchzuspielen und darauf hin zu planen und Alternativen herzustellen.

Zusammenfassung

Komplexitätsmanagement ist die Koordination von unternehmerischen Aktivitäten unter der Bedingung von relativer Wahrscheinlichkeit und reduzierten Risikoerwartungen. Um dies leisten zu können, bilden Unternehmen (wie alle dynamischen Systeme) Quasi-Objekte aus, mit denen sie ihre Eigendynamik stabilisieren und damit über Erfolg/Nicht-Erfolg entscheiden können.

Literatur

Stichwörter

systemische Organisationsberatung

Systemtheorie

Controlling

Systemtheorie der Evaluation



Search for products at amazon.com:
Search:
Keywords:
amazon.com books on 'Komplexitätsmanagement':
Search at Google.com:
Google
WebCalSky.com Enzyklopädie