Integriertes Managementsystem
Beim prozessorientierten Ansatz werden die Prozesse unabhänig von den Managementsystemen definiert und durch die verschiedenen Systeme nur unterschiedlich betrachtet.
Beispielsweise enthält ein Fertigungsprozess nicht nur Schnittstellen zur Produkt- und Prozessqualität (Qualitätsmanagement z.B. nach ISO 9000), sondern auch zum Umweltschutz (Umweltschutzmanagement z.B. nach ISO 14000) und zur Arbeitssicherheit (Arbeitsschutzmanagement z.B. nach OHRIS).
Darüberhinaus können weitere Konzepte integriert werden, z.B. Risikomanagement (z.B. im KontraG gefordert), Datenschutz (Bundesdatenschutzgesetz), Facility-Management, Gebäudeschutz (Schließanlagen, Bewachung, Instandhaltung usw.), Brandschutz usw., aber auch Finanz- und Reporting Systeme, Datamining, Wissens- und Ideenmanagement.
Der prozessorientierte Ansatz bietet ausserdem die Möglichkeit, firmenübergreifende Vergleiche durchzuführen, sogenannte Benchmarks.
Hintergrund
In vielen Unternehmen wurden, vor allem auf den "Wunsch" ihrer Geschäftskunden hin, zuerst (ab Ende der 1980er Jahre) normierte Qualitätsmanagementsysteme und etwas später (ab Mitte der 1990er Jahre) normierte Umweltmanagementsysteme aufgebaut. Ab Anfang der 1990er Jahre wurden in manchen Brachen Qualitätsmanagementsysteme (vor allem Automobilbranche) und kombinierte Systeme zu Arbeitssicherheit und Umweltschutz (Petrochemie) eine wichtige Voraussetzung für die Auftragsvergabe. Hintergrund war auch die in dieser Zeit in Deutschland festgeschriebene Beweislastumkehr beim der Produkthaftung. Jetzt waren die Hersteller verpflichtet die Fehlerfreiheit ihrer Produkte zu beweisen, statt dass wie bisher die Kunden dem Hersteller Fehlerhaftigkeit nachweisen musste. Diese Forderung läßt sich bei komplexen und sicherheitsrelevanten Produkten nur durch einen lückenlosen Nachweis des gesamten Herstellungsprozess erreichen, bis hinunter in die Herstellungsprozesse selbst des kleinsten Zulieferteils.Mit Umsetzung der Richtlinie 96/82/EG des Rates vom 9. Dezember 1996 zur Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen (Seveso-II-Richtlinie) in nationales Recht (in Deutschland durch die 12. BImSchV (Störfallverordnung) vom 26. April 2000) wurde schließlich für die betroffenen Unternehmen ein Risiko- bzw. Sicherheitsmanagementsystem verbindlich vorgeschrieben.
Die Managementsysteme wurden entwicklungsbedingt in vielen Unternehmen zunächst getrennt voneinander aufgebaut. Durch Überschneidungen, unklare Schnittstellen oder evtl. auch konträre Regelungen ist ein (wirtschaftlicher) Nutzen verschiedener Managementsysteme nicht immer gewährleistet. Insbesondere im Hinblick auf die sowohl von der Qualitätsmanagementnorm ISO 9001 als auch von der Umweltmanagementnorm ISO 14001 geforderte kontinuierliche Verbesserung der Prozesse kann langfristig nur durch die Zusammenlegung (Integration) der einzelnen Managementsysteme in ein einziges, organisationsweites Managementsystem erreicht werden.
Seit Anfang der 1990er Jahre werden in vielen Organisationen (Unternehmen, Behörden, Dienstleister, etc.) die einzelnen (isolierten) Managementsysteme in sog. Integrierte Managementsysteme (IMS) umgewandelt bzw. die IMS neu aufgebaut. Der Umfang des jeweiligen IMS hängt von den Erfordernissen der jeweiligen Organisation ab. Neben den klassischen Managementsystemen Qualität und Umwelt können noch weitere Bereiche im IMS enthalten sein, z.B.
- Arbeitsschutzmanagement
- Risikomanagement
- Sicherheitsmanagement
- Fremdfirmenmanagement.
Normen und Richtlinien für Integrierte Managementsysteme
Es gibt aktuell (Stand: März 2005) keine Norm, die eine Organisation beim Aufbau eines IMS unterstützt. Ein erster Schritt seitens der ISO in diese Richtung kann in der überarbeiteten Umweltmanagementnorm ISO 14001:2004 gesehen werden. Ein Ziel der Überarbeitung war die Steigerung der Kompatibilität der ISO 14001 mit der Qualitätsmanagementnorm ISO 9001. Allerdings wird in der ISO 14001:2004 die gleiche Eingrenzung der Norm auf das jeweilige Managementsystem (Kapitel: Einleitung) gemacht wie in der ISO 9001:2000 (Kapitel 0.4): „Diese internationale Norm enthält keine Anforderungen, die für andere Managementsysteme spezifisch sind, wie z.B. jene für Qualitätsmanagement, Arbeitsschutz- und Sicherheits-, Finanz- oder Risikomanagement, obwohl deren Elemente mit denen eines anderen Managementsystems in Einklang gebracht oder mit diesen zusammengeführt werden können.“Im Juni 2004 hat der Verein Deutscher Ingenieure, VDI, den Entwurf der Richtlinie VDI 4060 Blatt 1 als eine „Handlungsanleitung zum Aufbau von IMS für Unternehmen aller Branchen und Größen“ herausgegeben. Im Entwurf unter Punkt 1 (Zielsetzung der Richtlinie) heißt es: „Es wird Freiraum für zukünftige Aspekte (z. B. Hygiene- oder Risikomanagement) gelassen, die noch nicht aktuell oder bekannt sind, die aber jederzeit nach derselben Vorgehensweise eingefügt werden können. Das Prinzip der „kontinuierlichen Verbesserung“ sowie die Risikobetrachtung werden durchgehend angewendet. Das heißt, durch eine umgesetzte Maßnahme gibt es Verbesserungen in mehreren Bereichen (z.B. Qualität, Umwelt, Sicherheit) gleichzeitig.“
Aufbau eines Integrierten Managementsystems
Der gleichzeitige Nutzen einer Verbesserung für mehrere Bereiche (Synergie-Effekt) ist einer der wesentlichen Gründe für den Aufbau von IMS in Organisationen. Da sich (normierte) Qualitäts- und Umweltmanagementsysteme in ihrer Struktur ähnlich sind (Handbuch, Vorgabedokumente, etc.), ist die Integration eines der beiden Managementsysteme in das vorhandene Managementsystem mit wenig Mehraufwand möglich. Die vorhandenen Dokumente werden um die fehlenden Aspekte ergänzt, mögliche Schnittstellen zwischen den Systemen definiert und optimiert. Die von den jeweiligen ISO-Normen geforderten regelmäßigen Selbstüberprüfungen (Audits, Managementreview, etc.) können alle Aspekte des IMS ohne größeren Mehraufwand abdecken.Neue Konzepte für Integrierte Managementsysteme
Die Integration verschiedener Managementsysteme zu einem Integrierten Managementsystem ist eine kontinuierliche Entwicklung. Neben dem IMS als solchen gibt es weitere integrierende, auf dem Qualitätsaspekt basierende Konzepte, von denen drei hier kurz beschrieben werden.Total Quality Management
Das Total Quality Management, TQM, ist eine im Wesentlichen in Japan entwickelte prozessorientierte Qualitätsphilosophie, die auf der Überzeugung basiert, dass Qualität einfach eine Frage der Ausrichtung an den Erfordernissen der Kunden ist. Durch Messung dieser Erfordernisse können Abweichungen davon mittels Prozessverbesserung oder -umgestaltung vermieden werden.EFQM-Modell für Business Excellence
Ein neues Konzept für Integrierte Managementsysteme stammt von der European Foundation for Quality Management (Europäische Stiftung für Qualitätsmanagement EFQM), das europäische EFQM-Modell für Excellence. Das europäische EFQM-Modell für Excellence ist ein Modell des Total Quality Management, TQM, und deckt alle Managementbereiche ab. Es hat zum Ziel, den Anwender zu exzellentem Management und exzellenten Geschäftsergebnissen zu führen.St. Galler Konzept für Integriertes Qualitätsmanagement
Dieses Konzept wurde von dem Schweizer Professor Seghezzi maßgeblich entwickelt. Es besteht aus drei Dimensionen, nämlich- dem Management (bestehend aus normativem, strategischem und operativem Management)
- drei Säulen (Strukturen, Aktivitäten, Verhalten)
- der im zeitlichen Ablauf stattfindenden Unternehmensentwicklung.
Literatur
Bücher:
- Stefanie Schwendt, Dirk Funck: Integrierte Managementsysteme. Konzepte, Werkzeuge, Erfahrungen. Physica-Verlag, Heidelberg, 2001. ISBN 3-7908-1442-3
- Peter Hauser, Emil Brauchlin: Integriertes Management in der Praxis. Campus Verlag, Frankfurt, 2004, ISBN 3-593-37436-6
- Hans Dieter Seghezzi: Integriertes Qualitätsmanagement: Das St. Galler Konzept. Carl Hanser Verlag, München, 2003, ISBN 3-446-22005-4
- Knut Bleicher: Das Konzept Integriertes Management. Campus Verlag, Frankfurt, 2004, ISBN 3-593-37634-2
Zeitschriftenartikel:
- Hans-Jürgen Klüppel, Hans-Jürgen Müller, Rainer Rauberger, Rüdiger Wagner: Blütenrein managen: Umweltschutz, Qualität und Sicherheit durch integrierte Managementsysteme. Qualität und Zuverlässigkeit 45(8), S. 978 – 981 (2000), ISSN 0720-1214
- Dirk Funck: Viel versprechendes Stiefkind. Umsetzungsstand, Ziele und Probleme integrierter Managementsysteme im Spiegel von vier Studien. Qualität und Zuverlässigkeit 46(6), S. 758 – 762 (2001), ISSN 0720-1214
- H.W. Adams: Ohne Normen bitte! – Prozessorientierte integrierte Managementsysteme brauchen keine Normierung. Qualität und Zuverlässigkeit 46(7), S. 860 – 861 (2001), ISSN 0720-1214
- Dirk Funck: Integrierte Managementsysteme. Wirtschaftwissenschaftliches Studium 30(8), S. 443 – 446 (2001), ISSN 0340-1650
Leitfaden:
- Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie. Integriertes Managementsystem. Ein Leitfaden für kleinere und mittlere Unternehmen.
Weblinks