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Homo oeconomicus

Das Menschbild des homo oeconomicus versteht den Menschen als Träger individueller Präferenzen, anhand derer er unter Ausnutzung aller verfügbaren Informationen stets die für ihn vorteilhafteste Handlungsoption auswählt. Jede Handlungen des homo oeconomicus wird allein durch die Maximierung des persönlichen Nutzens auf Basis rationaler Überlegungen determiniert. Der Begriff ist eine humoristische Anspielung auf das biologische Taxon Homo sapiens.

In den Sozialwissenschaften, insbesonderer in der Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften, werden Ansätze, die in ihren Grundannahmen auf das Menschenbild des homo oeconomicus aufbauen, als Rational Choice-Ansätze bezeichnet. In den Wirtschaftswissenschaften werden die Akteure in der Regel als egozentrische Nutzenmaximierer modelliert, da dies für viele Fragestellungen, in denen widerstreitende Interessen auftreten, als sachgerechte und praktikable Vereinfachung akzeptiert wird. Insbesondere die experimentelle Ökonomik, die Evolutions- und Verhaltensökonomik befassen sich mit beschränkt rationalen Verhaltensmustern des Menschen, deren Gründe u.a. in der Komplexität der Entscheidungssituationen (Informationsbewertung, Bildung von Zukunftserwartungen etc.) liegen. Ralf Dahrendorf hat analog dazu für seine Rollentheorie den Begriff homo sociologicus geprägt und verwandt.

Der homo oeconomicus wird oftmals als unsoziales oder amoralisches Wesen missverstanden. Auch Täuschung und Betrug liegen innerhalb des Spektrums rationaler Handlungsweisen zum eigenen Vorteil. Soweit jedoch seine Präferenzen das Wohlbefinden anderer Akteure nutzensteigernd umfassen, agiert er altruistisch und egoistisch zugleich. In diesem Sinne ist beispielsweise die Fürsorge der Eltern um ihre Kinder oder Sozialismus mit dem Menschenbild des homo oeconomicus verträglich.

Inhaltsverzeichnis
1 Bedeutung des homo oeconomicus bei Smith
2 Homo oeconomicus nach Eduard Spranger
3 Kritik
4 Siehe auch
5 Weblinks

Bedeutung des homo oeconomicus bei Smith

Der streng liberalistische Ansatz des Staatstheoretikers und Philosophen Adam Smith erkennt im homo oeconomicus die Basis für die Wohlfahrt der Nationen. Der enthemmte Egoismus des Einzelnen führt dazu, dass auch der gesellschaftliche Wohlstand gesteigert wird, denn "nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil" (aus: Wohlstand der Nationen - Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Erstes Buch, Zweites Kapitel "Das Prinzip, das der Arbeitsteilung zugrunde liegt"). Diesen zentralen Zuteilungsmechanismus der marktlichen Interaktion bezeichnet Smith als unsichtbare Hand.

Homo oeconomicus nach Eduard Spranger

Der Ausdruck homo oeconomicus, geprägt von Eduard Spranger in seinem Buch Lebensformen (1914), bezeichnet die behauptete Grundtendenz von Menschen, das Leben nach rein wirtschaftlichen Kriterien auszurichten. Spranger beschreibt mehrere Grundtypen, von denen der homo oeconomicus eine ist: der theoretische Mensch, der ökonomische Mensch, der ästhetische Mensch, der soziale Mensch, der Machtmensch und der religiöse Mensch.

Begriff und Kennzeichnung

Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist also derjenige, der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt. Alles wird für ihn zu Mitteln der Lebenserhaltung, des naturhaften Kampfes ums Dasein und der angenehmen Lebensgestaltung. (S. 148). [...] Reichtum ist Macht. Der ökonomische Mensch entfaltet zunächst Macht über die Natur, ihre Stoffe, Kräfte, Räume und die technischen Mittel zu ihrer Bewältigung. [...] Mehr haben wollen als der andere, ist eine in der gesellschaftlichen Wirtschaft sich immer wieder von selbst bildende Willensrichtung. Wirtschaftliches Machtstreben erscheint also in der Form der Konkurrenz; sie herrscht von den einfachsten Stufen an und kann nur mit dem wirtschaftlichen Motiv selbst ausgerottet werden. (S. 153/154) Die Macht des Geldes beruht auf seiner Motivationskraft für Menschen; sie setzt also wieder ökonomisch gerichtete Naturen voraus. Und gleich als ob man beflissen wäre, dies schon im voraus anzuerkennen, gibt Geld heute auch dann Ansehen, wenn man es nicht selbst erworben hat und weder durch seinen Fleiß noch durch seine Klugheit daran beteiligt ist. [...] Der wirtschaftliche Wert ist für diese Art von Menschen selbst schon der höchste Wert. (S. 155).

Kritik

Mit der Etablierung der experimentellen Wirtschaftsforschung wurde das Konzept des homo oeconomicus in den vergangen Jahren immer häufiger experimentell überprüft. Dabei zeigte sich, dass unter gewissen engdefinierten Laborbedingungen dieses Konzept manchmal als eine geeignete Prognose für tatsächliches menschliches Verhalten herangezogen werden kann. In zahlreichen anderen Versuchen konnte diese Verhaltenshypothese jedoch nicht bestätigt werden. Zur Erklärung des beobachten Laborverhaltens wird in diesen Fällen das Homo-oeconomicus-Modell häufig erweitert. Diese Erweiterungen beziehen sich dabei häufig auf die Nutzenfunktion, welche z.B. das Verhalten anderen Akteure mitberücksichtigt. Der homo oeconomicus reciprocans ist eine solche Modellerweiterung.

In Kultur und Philosophie wird das Menschenbild des rationalen homo oeconomicus heute oft als eindimensional zurückgewiesen: Die Geschichte, die Psychologie, die Kunst, die Religion, Anthropologie und Ethnologie würden Gegenbeispiele genug liefern. Der Mensch sei keine (egoistische), rein rationale Maschine. Vor allem in der Soziologie wird die Bedeutung von Normen und Werten für das menschliche Handeln betont.

Siehe auch

Weblinks



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