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Holocaust

Der Begriff Holocaust bezeichnet im engeren Sinn den systematischen Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Gebieten.

Im weiteren Sinn wird oft auch die kollektive Ermordung von Angehörigen anderer ethnischer, religiöser und sonstiger Bevölkerungsgruppen, die, wie die Juden, von den Nazis als „unerwünscht“, „lebensunwert“ oder „rassisch minderwertig“ erklärt wurden, unter dem Begriff Holocaust zusammen gefasst. Dazu gehörten vor allem die "Behindertenn", die Sinti und Roma und weitere als "Zigeuner" bezeichnete Gruppen, die Zeugen Jehovas, die Homosexuellen sowie polnische Intellektuelle, russische Kriegsgefangene und andere, zum Beispiel slawische Volksgruppen.

Anmerkung zur Eingrenzung des Artikels: Dieser Artikel befasst sich mit dem Genozid an den europäischen Juden und den damit im engeren Zusammenhang stehenden Vorgängen und Ereignissen. Zu den nationalsozialistischen Mordaktionen gegen andere Gruppen siehe: Aktion T4 und Euthanasie (Behinderte), Rosa Winkel (Homosexuelle), Sinti und Roma, Zigeuner sowie Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Zur Verfolgung und Ermordung politisch-ideologischer Gegner des NS-Regimes siehe unter Widerstand gegen den Nationalsozialismus u.a. Artikel.
		

Inhaltsverzeichnis
1 Die Begriffe Holocaust und Shoa
2 Die Singularität des Holocaust
3 Die Geschichte des Holocaust
4 Die Nachgeschichte des Holocaust
5 Erklärungsansätze
6 Der Holocaust und die extreme Rechte
7 Erinnerung an den Holocaust
8 Literatur
9 Verfilmungen
10 Siehe auch
11 Weblinks

Die Begriffe Holocaust und Shoa

Das Wort Holocaust leitet sich vom griechischen holókauton her und bedeutet „vollständiges Brandopfer“. Es findet mehrfach Erwähnung in der Septuaginta, der ältesten griechischen Übersetzung der Bibel, etwa im Buch Genesis (22, 2): „Gott sprach zu Abraham: 'Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und bringe ihn dort als Brandopfer (holókauton) dar auf einem Berge, den ich dir sagen werde.“

Zunächst wurde der Genozid an den europäischen Juden nur im englischen Sprachraum mit dem Wort Holocaust bezeichnet. In der Bundesrepublik Deutschland kam es erst ab 1979 allmählich in Gebrauch, nachdem die ARD die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ ausgestrahlt hatte. Zuvor waren Begriffe wie Judenverfolgung, Judenvernichtung oder Judenmord üblich. In der historischen Forschung wird vielfach vom „Mord an den europäischen Juden“ gesprochen. Eine von den nationalsozialistischen Völkermorden losgelöste Verwendung des Begriffs Holocaust ist im Deutschen semantisch und sprachethisch umstritten.

Da das Wort Holocaust nach Ansicht vieler Juden zu sehr die Opferrolle der Ermordeten betont und einen positiven religiösen Sinn des Geschehens impliziert, wird seit einigen Jahren in Deutschland zunehmend auch der hebräische Ausdruck Shoa (השואה) verwendet, der soviel wie „großes Unheil“ oder „Katastrophe“ bedeutet. Er bürgerte sich aufgrund des gleichnamigen, neunstündigen Dokumentarfilms von Claude Lanzmann von 1985 ein, der als „narrative Chronik des Holocaust“ bezeichnet wird. „Shoa“ war in Israel schon vor „Holocaust“ für den an den Juden begangenen Völkermord geläufig. Die Bezeichnung „Shoa“ lehnen jedoch manche Vertreter nicht-jüdischer Opfergruppen ab, da es ihrer Meinung nach den Blick allein auf die ermordeten Juden einengt.

Die Singularität des Holocaust

Seit 1945 hat sich in der Geschichtswissenschaft und öffentlichen Bewertung die Einsicht durchgesetzt, dass der nationalsozialistische Völkermord am europäischen Judentum auch im Vergleich mit anderen Völkermorden einzigartig war und ist; ausschlaggebend war der Historikerstreit 1986. Denn er unterscheidet sich von anderen Vernichtungsprogrammen der Geschichte durch eine Reihe von Faktoren:

Vor allem aufgrund seiner Systematik und seiner industriellen Durchführung unterscheidet sich der Holocaust auch wesentlich von der Verfolgung der politischen Gegner des Hitler-Regimes. Denn diese konnten ihr Leben notfalls durch die scheinbare oder tatsächliche Unterwerfung unter das Regime retten. Dagegen waren alle Menschen, vom Säugling bis zum Greis, die zu einer der eingangs genannten Gruppen gehörten, schon aufgrund ihrer bloßen Existenz zur Ermordung vorgesehen. Nichts, was sie selbst hätten tun oder unterlassen können - nur glückliche Zufälle oder die Hilfe von Dritten - konnte ihr Leben retten, wenn sie in die Hände des nationalsozialistischen Machtapparats fielen.

Die Geschichte des Holocaust

Die Entwicklung zum Holocaust begann 1933 mit der allmählichen Entrechtung und Verfolgung der Juden in Deutschland. Nach Kriegsbeginn folgten Ghettoisierung und Deportation aller europäischen Juden, derer das nationalsozialistische Regime habhaft werden konnte, in die Vernichtungslager.

Die Judenverfolgung von 1933 bis 1939

Seit Hitlerss Machtergreifung betrieben die Nationalsozialisten die systematische Entrechtung der Juden. Dabei bauten sie auf einem schon sehr lange in Deutschland verbreiteten, mindestens latent vorhandenen Antisemitismus auf. Die Entrechtung begann mit der Verdrängung von Juden aus dem öffentlichen Dienst, zunächst insbesondere aus der Verwaltung, den Schulen und den Hochschulen, dem Boykott jüdischer Geschäfte ab April 1933 und der erzwungenen „Arisierung“ von Unternehmen in jüdischem Besitz, die im November 1938 abgeschlossen wurde. Sie setzte sich 1935 fort mit den diskriminierenden Nürnberger Rassegesetzen, die die deutschen Juden ihrer staatsbürgerlichen Rechte beraubten, und erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt in den Pogromen der sogenannten "Reichskristallnacht" vom 9 auf den 10. November 1938. Dabei wurden nicht nur die meisten der oft Jahrhunderte alten jüdischen Synagogen zerstört, sondern auch 97 Morde an Juden mit staatlicher Deckung verübt. Damit testeten die nationalsozialistischen Machthaber die Bereitschaft der Bevölkerung zum Zuschauen und Mitmachen. Im Anschluss an diese Reichspogromnacht wurden erstmals massenhaft Juden in den schon vorhandenen Konzentrationslagern interniert; noch vor dem Krieg waren davon etwa 30.000 Menschen mosaischen Glaubens aus Deutschland betroffen.

Bis zum Kriegsbeginn 1939 verfolgte diese Politik offiziell nur das Ziel, möglichst viele Juden zur Auswanderung aus Deutschland zu drängen. Etwa 315.000 deutsche Juden verließen in diesem Zeitraum ihre Heimat und flohen ins Exil. Nach dem 1. September 1939 war die legale Ausreise aus dem deutschen Reich nicht mehr möglich. Zudem waren in vielen Ländern nach Ausbruch des Krieges die Einreisebedingungen für Immigranten aus Deutschland erschwert worden. Auch im neutralen Nachbarland, der Schweiz, verhinderten restriktive Einreisebestimmungen, die im Zuge des Ansturms von Flüchtlingen erlassen worden waren, eine Aufnahme tausender fluchtwilliger Juden, was indirekt einem Todesurteil für die meisten Betroffenen gleich kam.

Das eigentliche Ziel der Nazis hatte Hitler jedoch schon 1925 in seiner autobiografischen Propagandaschrift "Mein Kampf", und in vielen öffentlichen Reden davor zum Ausdruck gebracht: die vollständige Vernichtung des "Weltjudentums", wie er es nannte.

Nach 1939: Übergang zum systematischen Völkermord

Der Krieg eröffnete den Nazis neue Möglichkeiten zur Realisierung dieses Programms. Er erlaubte die systematische innenpolitische Erfassung und Isolierung der deutschen Juden und brachte dazu Millionen von europäischen Juden in den besetzten Gebieten, vor allem in Polen, der Sowjetunion und Ungarn, in die Reichweite der nationalsozialistischen Herrschaft. Von nun an wurde die organisierte fabrikmäßige Ermordung aller Juden, derer das Hitler-Regime habhaft werden konnte, geplant und betrieben.

In den größeren polnischen Städten wie Warschau oder Lodsch wurde die jüdische Bevölkerung gezwungen, in hermetisch abgeriegelte Ghettos umzusiedeln. Dort wurde sie bereits durch Hunger, Kälte und tägliche willkürliche Morde immer weiter dezimiert. Im Russlandfeldzug ab Sommer 1941 folgten den Truppen der Wehrmacht die so genannten Einsatzgruppen der SS. Diese nahmen Massenerschießungen an jüdischen Zivilisten vor: zum Beispiel in Babi Jar bei Kiew. An solchen Aktionen waren vereinzelt aber auch reguläre Wehrmachts- oder Polizeieinheiten direkt beteiligt. Die Wehrmacht ermöglichte die organisatorische Erfassung von Juden in den besetzten Gebieten und arbeitete mit der SS hierbei eng zusammen. So lassen sich die Vernichtung durch den Krieg, Vernichtung durch Zwangsarbeit für den Krieg und Vernichtung in den durch Krieg eroberten Gebieten nicht voneinander trennen.

Die Vernichtungslager

Das erste Konzentrationslager war bereits 1933 in Dachau bei München eingerichtet worden. Es diente wie andere KZs seiner Art bis 1938 vorrangig der Inhaftierung und Liquidierung politischer Gegner - darunter in den ersten Jahren des NS-Regimes vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Pazifisten, linken Intellektuellen -, bot aber auch ein Modell für spätere Vernichtungslager.

Für die geplanten Morde im großen Stil galten Massenerschießungen, wie sie unmittelbar nach Kriegsbeginn in Polen einsetzten, bald als „ineffektiv“. Zudem sollten anonymisierte Tötungsmethoden die psychologische Hemmschwelle der Täter weiter senken oder ganz beseitigen. Daher erprobten seit Herbst 1941 die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD Massentötungen mit Hilfe von mobilen Vergasungswagen. Diese waren schon in der Aktion T4, dem so genannten Euthanasieprogramm zur Ermordung von geistig und körperlich schwer Behinderten, eingesetzt worden.

Da sich die von der SS-Führung gewünschte Mordrate auch auf diese Weise nicht erzielen ließ, wurden schließlich fabrikmäßige Vernichtungslager errichtet, deren Hauptzweck die möglichst schnelle Tötung einer möglichst großen Zahl von Juden war. Die direkte Vernichtung war dabei häufig mit der Vernichtung durch industrielle Arbeit und Arbeit zur Vernichtung gekoppelt: In vielen KZs wurden Rüstungsgüter produziert. Solche Lager wurden angelegt in

Aus dem ganzen von deutschen Truppen besetzten Europa wurden bis Kriegsende Menschen allein zum Zweck ihrer Vernichtung in diese Lager deportiert. Soweit sie nicht schon beim Transport in Viehwaggons umgekommen waren, wurden sie gleich nach ihrer Ankunft in Arbeitsfähige und Nicht-Arbeitsfähige eingeteilt. Die letzteren, in der Regel Kinder und ihre Mütter, Alte und Kranke, wurden gleich nach der Selektion in Gaskammern geführt, die als Duschräume getarnt waren. Dort wurden sie mit Zyklon B, einem hochgiftigen Giftstoff aus Blausäure, vergast. Das Gas verursachte einen qualvollen, bis zu 20 Minuten dauernden Erstickungstod. Die Leichen wurden anschließend in Krematorien verbrannt. Körperliche Überreste - etwa Haare, Goldzähne, Fettbestandteile der Haut - und Privatgüter der Opfer - Kleidung, Schuhe, Brillen, Koffer usw. - wurden von der SS industriell verwertet.

Hinzu kamen Menschenversuche zu militärischen, medizinischen und anderen Zwecken in den Lagern. Die Opfer wurden zum Beispiel in Druckkammern extrem hohem oder niedrigem Luftdruck ausgesetzt, in Eiswasser unterkühlt, mit Bakterien infiziert, für chirurgische Versuche und vieles mehr missbraucht. Die Täter, etwa der SS-Arzt Josef Mengele, nahmen den Tod oder lebenslange Gesundheitsschäden der Versuchspersonen bewusst und ohne jede Skrupel in Kauf.

An vielen deutschen und schweizerischen Forschungseinrichtungen fanden sich noch bis vor kurzem menschliche Körperteile, die einst von den Nazis zu "Versuchszwecken" angefordert und geliefert worden waren.

Weitere Opfer der Nationalsozialisten

Ebenfalls zum Vernichtungsprogramm der Nazis gehörte die Ermordung von drei Millionen russischen Kriegsgefangenen. Dazu starben mehr als zwei Millionen Osteuropäer bei der ihnen auferlegten Zwangsarbeit. Über die Vernichtung der europäischen Juden hinaus hatten die Nazis im Generalplan Ost ein weitreichendes Programm zur Vernichtung und Umsiedlung ausgearbeitet. Nach diesem Plan sollten weitere als „rassisch minderwertig“ bezeichnete, vor allem slawische Völker allmählich durch Verbannung nach Sibirien ausgerottet werden.

Auch politisch Missliebige, wie z.B. Kommunisten, Sozialisten, sogenannte Asoziale, Gewerkschaftler, Zeugen Jehovas, nicht gleichgeschaltete Christen, Mitglieder der bündischen Jugend oder Homosexuelle wurden in den Konzentrationslagern umgebracht.

Planungsdokumente, Wannseekonferenz und Opferzahlen

Von den eigentlichen Planungen des Holocaust existieren nur wenige schriftliche Dokumente aus der Nazizeit, da der engere Kreis der Täter die Dimension und Tragweite seines Vorhabens auch im Hinblick auf die mögliche Kriegsniederlage für die Nachwelt verbergen wollte. Unter führenden Nationalsozialisten war also ein klares Bewusstsein für den außerordentlichen Zivilisationsbruch dieses Völkermords vorhanden. Dafür spricht auch eine Rede Heinrich Himmlers vor SS-Offizieren, die schon an den Massenexekutionen hinter der Ostfront beteiligt gewesen waren.

Am 20. Januar 1942 fand unter der Leitung des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, die Wannseekonferenz bei Berlin statt. Auf ihr besprachen hochrangige Ministerialbeamte der Reichsregierung die so genannte „Endlösung der Judenfrage“, das heißt die Deportation und Ermordung aller europäischen Juden. Aus erhaltenen Akten der Konferenz lässt sich ersehen, dass 11 Millionen Menschen zur Vernichtung vorgesehen waren.

Im größten Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wurden schätzungsweise 1.100.000 – 1.500.000 Menschen ermordet. Etwa eine Million davon waren Juden. In der seriösen historischen Forschung gilt es heute als gesichert, dass während des Zweiten Weltkriegs mindestens 5,29 Millionen, höchstens knapp über 6 Millionen Juden in Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie bei Massenexekutionen zu Tode kamen. Absolut exakte Zahlen konnten nie ermittelt werden, da viele Deportierte gleich nach ihrer Ankunft – also ohne einzeln registriert worden zu sein – in die Gaskammern geschickt wurden. Für Hitlerdeutschland und alle von ihm besetzten Länder nennt das Werk „Dimension des Völkermords“ (siehe unten) folgende Minimalzahlen:

Jüdischer Widerstand

Weit verbreitet ist die Auffassung, die Juden hätten kaum Widerstand gegen ihre Deportationen und schließliche Ermordung geleistet. Nur wenige von ihnen ahnten zunächst etwas vom ganzen Ausmaß des ihnen zugedachten "Schicksals". Für viele waren die Informationen über Massenvernichtungslager, die um 1942/43 in den jüdischen Ghettos Polens, Litauens, Weißrusslands u.a. zunehmend kursierten, nichts anderes als Gerüchte. Die Vorstellung, dass sie als ganzes Volk ermordet werden sollten, erschien den meisten anfangs als wenig glaubhaft. Auch wenn sie unter den Repressionen der Nazis schon seit Hitlers Machtergreifung bzw. der Besetzung ihrer jeweiligen Herkunftsländer offensichtlich zu leiden hatten und viele von ihnen schon in den Ghettos an Hunger, Mangelkrankheiten oder in Folge gewaltsamer Übergriffe starben, nahmen sie doch an, dass ihr Leben insgesamt - zumindest als Arbeitskraft - wichtig genug war, um wenigstens als Sklavenarbeiter überleben zu können, bis die Deutschen besiegt seien. So entstand das Bild von den scheinbar willenlosen Opfern, die ihren Verfolgern nichts entgegenzusetzen gehabt hätten.

Tatsächlich war der Widerstand der Juden gegen ihre Mörder, wenngleich unter denkbar ungünstigen Bedingungen, zumindest nach dem Beginn des 2. Weltkriegs verbreiteter und vielfältiger, als weithin angenommen wird. Eines der bekannteren Beispiele dafür - und ein Fanal für den jüdischen Widerstand insgesamt - war der Aufstand im Warschauer Ghetto vom 19. April 1943 bis zum 16. Mai 1943. Er wurde organisiert durch die jüdische Kampforganisation "ZOB" in der Endphase der Auflösung des Ghettos durch die Nazis, als alle dort noch verbliebenen Juden in die Vernichtungslager - vor allem nach Treblinka - deportiert werden sollten. Die Untergrundorganisation war von Kurieren, die zwischen dem "arischen" Teil und dem abgeriegelten jüdischen Ghetto Warschaus unter lebensgefährlichen Bedingungen pendelten, nach und nach mit eingeschmuggelten Waffen, im Wesentlichen Handfeuerwaffen (Gewehre, Pistolen und entsprechende Munition), Handgranaten und Sprengstoff beliefert worden. Die in verschiedenen Häusern des Ghettos kämpfenden Gruppen konnten den eindringenden Räumkommandos der SS zunächst in einem Überraschungsmoment hohe Verluste beibringen und sie in die Flucht schlagen. Daraufhin kehrte die SS mit schwerem Gerät wie Panzern und Kanonen zurück. Trotz der Übermacht der Deutschen konnten sich die jüdischen Widerstandsgruppen in einem etwa vier Wochen andauernden Häuserkampf halten. Am Ende blieb den noch übrigen Kämpfern nur die Kapitulation und damit in den meisten Fällen der Tod durch Erschießen. Nur wenige Beteiligte dieses Aufstands konnten sich durch die Abwasserkanäle retten.

Auch in anderen Ghettos bildeten sich jüdische Widerstandsgruppen, die verschiedentlich Ghettobewohnern zur Flucht verhalfen, und vereinzelt auch kleinere Revolten initiieren konnten, so zum Beispiel in Bialystok und Wilna. Ferner gab es in den KZs und Vernichtungslagern Osteuropas in einigen Fällen Revolten und Aufstände der jüdischen Häftlinge bzw. Teilen von ihnen: So kam es zum Beispiel am 14. Oktober 1943 zu einem von jüdisch-russischen Kriegsgefangenen angeführten Aufstand im Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen. Dabei gelang es den Aufständischen, 9 Angehörige der Wachmannschaften zu töten, bevor die gut vorbereitete Revolte bemerkt wurde. Sie weitete sich zu einem Massenaufstand der Juden aus, denen es gelang, die Tore zum Lager zu öffnen. 320 jüdische KZ-Insassen konnten fliehen. Viele von ihnen schlossen sich anschließend verschiedenen Partisanengruppen in den Wäldern an. Das Ende des Krieges überlebten jedoch nur 47 der Flüchtlinge aus Sobibor. Die Nazis gaben das Lager in Folge der Massenflucht bis Ende 1943 auf.

Im KZ Auschwitz-Birkenau, dem größten Vernichtungslager der Nazis, gab es in der Zeit seines Bestehens etwa 700 einzelne Fluchtversuche, von denen etwa 300 erfolgreich waren. Am 7. Oktober 1944 kam es zum verzweifelten Aufstand des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz, das an den Krematorien, den Verbrennungsöfen für die Opfer der Massenvergasungen, eingesetzt war. Durch die Zündung des von weiblichen Gefangenen eingeschmuggelten Sprengstoffs wurde ein Teil des Krematoriums IV zerstört. 250 Gefangene versuchten eine Massenflucht. Sie alle wurden jedoch relativ schnell gefasst und umgebracht.

Europaweit waren Tausende untergetauchte Juden beteiligt am Partisanenkrieg gegen die deutschen Besatzer, insbesondere in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Italien, den Balkanstaaten und Griechenland, wo sich jüdische Partisanen meist den bestehenden Widerstandsgruppen anschlossen. In Osteuropa, vor allem im katholisch geprägten Polen, gelang es den aus den KZs und Ghettos Entkommenen eher selten, sich schon bestehenden Partisanengruppen anzuschließen, da dort oftmals auch unter NS-Gegnern antisemitische Ressentiments vorherrschten. Aufgrund dieses Umstands bildeten sich gerade in Polen stärker als in West- und Südeuropa auch eigene spezifisch jüdische Partisaneneinheiten, die trotz ihrer anfänglichen Unerfahrenheit schnell in den Ruf kamen, besonders entschlossene und motivierte Kämpfer gegen die Nazis zu sein, und die im weiteren Kriegsverlauf von der vorrückenden Roten Armee teilweise bevorzugt mit Waffen versorgt wurden. Insbesondere beim sogenannten "Schienenkrieg", einer Serie von Anschlägen und Sabotageaktionen gegen Eisenbahntransporte der deutschen Wehrmacht an die Ostfront, traten jüdische Partisanengruppen gehäuft in Erscheinung und schlugen zeitweilig erhebliche Lücken in die Kriegsinfrastruktur der Deutschen.

Im von den Deutschen besetzten Algerien waren es jüdische Widerstandskämpfer, die bei der "Operation Fackel" die als uneinnehmbar geltende Festung Algier von innen erstürmten, und damit einen entscheidenden Beitrag für den erfolgreichen Feldzug der Alliierten gegen die deutsche Wehrmacht in Nordafrika leisteten.

Viele Juden, die in den 1930er Jahren und zu Beginn des Krieges vor den Nazis ins sichere Ausland emigrieren konnten, schlossen sich während des 2. Weltkriegs den regulären Truppen der verschiedenen Alliierten an. In vielen Armeen gab es eigene jüdische Einheiten in unterschiedlichen Waffengattungen, die als Soldaten gegen das NS-Regime kämpften. Nach dem Krieg dienten emigrierte deutsche Juden den Alliierten oft als Übersetzer im besetzten Deutschland.

Schätzungen zufolge waren europaweit bis zu 1,5 Millionen Juden am regulären militärischen Kampf als auch im Untergrund als Partisanen aktiv am Widerstand gegen die nationalsozialistische Tyrannei beteiligt.

Widerstand in den besetzten oder verbündeten Ländern

Eine kleine Zahl europäischer Juden wurde gerettet, weil die Regierungen ihrer Heimatländer der Forderung Hitler-Deutschlands nach ihrer Auslieferung nicht nachgaben.

Finnland, seit 1941 Deutschlands Verbündeter im Krieg gegen die Sowjetunion, lieferte seine Juden größtenteils nicht aus, obwohl Himmler dies im Sommer 1942 bei einem Finnland-Aufenthalt von der finnischen Regierung gefordert hatte. Der Premier Rangell soll darauf geantwortet haben, Finnlands Juden seien Bürger wie alle anderen und dienten auch als Soldaten im Krieg gegen die Sowjetunion. Einige Juden wurden dennoch ausgeliefert, weil sie Kommunisten waren. Diese Praxis wurde aber schon ab Dezember 1942 eingestellt, nachdem Zeitungen und einige Politiker dagegen protestiert hatten. Zwar wurde jüdischen Flüchtlingen zeitweise die Einreise nach Finnland verweigert; aber die etwa 1.000 in Finnland lebenden Juden konnten fast vollständig gerettet werden.

In Dänemark ergriff König Christian X demonstrativ Partei für die Juden, als die deutschen Besatzungsbehörden auch sie zum Tragen des Judensterns zwingen wollten. Durch einen von deren Mitarbeitern vor Razzien der SS gewarnt, gelang es der dänischen Untergrundbewegung unter Mithilfe großer Teile der Bevölkerung im September und Oktober 1943, die meisten der im Land lebenden ca. 6.000 Juden in das neutrale Schweden zu schleusen. So kam es zur vergleichsweise niedrigen Anzahl von 161 dänischen Juden, die in deutschen Lagern ermordet wurden. Mehr dazu unter Rettung der dänischen Juden.

Der italienische Faschismus war anders als der deutsche Nationalsozialismus nicht antisemitisch ausgerichtet. Dazu kam, dass Italien anfangs ein Verbündeter Deutschlands und kein von diesem besetztes Land war. Zwar wurden nach Kriegsbeginn antijüdische Gesetze erlassen, aber die Regierung und besonders die Armee widersetzten sich dem Drängen der Deutschen, die italienischen Juden in den Tod zu schicken. Sie wurden auch interniert, aber unter besseren Bedingungen als in den deutschen Konzentrationslagern und ohne ständige Todesdrohung. Daher flüchteten einige Juden aus dem besetzten Frankreich und aus Jugoslawien nach Italien. Erst nach dem Frontwechsel Italiens 1943 behandelten die Deutschen das Land wie ein besetztes Gebiet und überführten die italienischen Juden in ihre eigenen Vernichtungslager.

Auch das Beispiel Bulgariens - ebenfalls ein Verbündeter Deutschlands - beweist, dass ein entschiedener Widerstand die deutschen Pläne erfolgreich durchkreuzen konnte. Hier wurden Dank der festen Haltung von Regierung und Bevölkerung etwa 50.000 Juden gerettet.

Die Polen waren traditionell vom katholischen Antijudaismus und Antisemitismus geprägt. Obwohl dort viele Juden an die Deutschen ausgeliefert wurden, überlebten trotzdem mehrere Tausend durch Hilfen aus der Bevölkerung. Viele Polen waren entsetzt über die Ermordung jüdischer Kinder und versteckten sie z.B. in katholischen Klöstern.

Die Nachgeschichte des Holocaust

Juristische Aufarbeitung

Die Alliierten hatten auf der Potsdamer Konferenz neben der Entmilitarisierung auch die durchgehende "Entnazifizierung" Deutschlands für die Zeit nach ihrem Sieg vereinbart. Doch erst im Zuge der Befreiung der Gebiete, in denen sich die Vernichtungslager befanden, kam das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Gräueltaten an das Licht der Weltöffentlichkeit.
(vorne v.l.:Göring, Heß, von Ribbentrop, Keitel; hinten v.l.:Dönitz, Raeder, von Schirach, Sauckel
Die Aufarbeitung des Holocaust begann mit den von den Alliierten Mächten eröffneten Nürnberger Prozessen und den Folgeprozessen zwischen 1945 und 1948. Ab 1949, nach der Gründung der beiden deutschen Staaten, ging die Strafverfolgung in deren Zuständigkeit über, kam aber in Folge des Kalten Krieges bald vollständig zum Erliegen.

In der DDR fanden einige Schauprozesse gegen untergeordnete Funktionsträger des Nazi-Regimes statt, in denen es weniger um deren individuelle Verantwortung als um Schuldzuweisungen an die westdeutsche Seite ging. In der Bundesrepublik Deutschland wiederum verhinderten ehemalige Mitglieder der NSDAP als Richter und Beamte lange Zeit tatsächlich eine nachdrückliche Verfolgung der Täter. Die Initiative zu deren Aufspürung blieb im wesentlichen Privatleuten wie Simon Wiesenthal überlassen.

Erst ab 1958 begann die westdeutsche Justiz in nennenswertem Umfang, Naziverbrechen zu verfolgen. Damals erreichten der Präsident des Internationalen Auschwitz Komiteess Hermann Langbein und der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer die Weiterverfolgung einer Strafanzeige von Adolf Rögner, die zur Verhaftung eines berüchtigten Folterers, des ehemaligen SS-Manns Wilhelm Boger, führte. Langjährige Ermittlungen Bauers ermöglichten 1963 schließlich die Eröffnung des Hauptverfahrens zu den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt am Main. Erst die schockierenden Zeugenberichte und das große Medienecho auf diese Prozesse erzeugte bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung ein Bewusstsein für die NS-Verbrechen, ihre Voraussetzungen und ihre Folgen: fast 20 Jahre nach dem Krieg. Andererseits verstärkten sich nun die schon kurz nach 1945 öffentlich erhobenen Forderungen nach einem "Schlussstrich". Die Angeklagten in den Auschwitz-Prozessen ließen keine Reue erkennen und beriefen sich stets auf den so genannten "Befehlsnotstand". Ihre Verteidiger versuchten, die Gerichtsverfahren als "Schauprozesse" zu diskreditieren, wobei sie einen Großteil der öffentlichen Meinung hinter sich wussten.

In den folgenden Prozessen wurden in der Regel nur die unmittelbar ausführenden Täter der unteren Ränge in der Befehlskette belangt. Die letzten größeren Verfahren gegen NS-Täter waren die Majdanek-Prozesse von 1975 bis 1981vor dem Landgericht Düsseldorf. Von ursprünglich 15 dort angeklagten SS-Angehörigen wurden am Ende nur sechs Männer und zwei Frauen verurteilt: Dabei wurden nur eine lebenslängliche und sieben zeitlich befristete Haftstrafen zwischen drei und zwölf Jahren verhängt. Die Freisprüche und die als zu niedrig empfundenen Freiheitsstrafen lösten damals weltweite Proteste aus.

Von besonderer, nicht nur in juristischer Bedeutung erwies sich der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahr 1961. Der ehemalige Leiter des so genannten Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt hatte den Transport von Millionen europäischer Juden in die Vernichtungslager organisiert. Er konnte nach dem Krieg unter falschem Namen in Argentinien untertauchen. Der israelische Geheimdienst Mossad spürte ihn dort jedoch 1960 auf und entführte ihn nach Jerusalem. Der dortige Prozess gegen einen Haupttäter aus der Exekutive des NS-Regimes brachte die planerischen und administrativen Mechanismen ans Licht, die hinter dem Genozid an den Juden standen. Eichmanns Auftreten vor Gericht und seine Rechtfertigungsversuche ermöglichten einer breiten Öffentlichkeit erstmals aber auch, einen Blick auf die Psychologie der Täter zu werfen. Die Prozessbeobachterin Hannah Arendt sprach in diesem Zusammenhang von der "Banalität des Bösen". Eichmann wurde im Dezember 1961 für schuldig befunden und zum Tod verurteilt. Nach einer Revisionsverhandlung wurde er im Mai 1962 gehängt.

Was wusste die deutsche Bevölkerung?

Während sich die Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden in Deutschland vor aller Augen vollzog, achtete das Hitler-Regime bei der so genannten „Endlösung“ auf strengste Geheimhaltung. SS-Angehörigen war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, über die Ermordung von Juden oder Sinti und Roma zu berichten. Die Zahl der unmittelbar an den Verbrechen beteiligten Täter, zum Beispiel Angehörige von Wachmannschaften, Einsatzgruppen, Polizeibataillonen und Wehrmachtsteilen, wird auf etwa 300.000 geschätzt.

Gegenüber der restlichen Bevölkerung wurden die Deportationen der Juden aus dem Reich offiziell als „Umsiedlungen“ bezeichnet. Ein Propagandafilm über das "Vorzeigeghetto" Theresienstadt mit dem Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" suggerierte dieses Bild noch 1944, als viele Deutsche durch die sogenannte Flüsterpropaganda längst zu Mitwissern des Massenmords geworden waren. Eine Mehrheit der Deutschen nahm die Lüge von den angeblichen Umsiedlungen ohne zu fragen hin, obwohl solche Massendeportationen schon für sich genommen ein schweres Unrecht darstellten. Viele handelten so aus Angst vor dem NS-Terror, andere dagegen, weil sie von der antijüdischen Politik der Nazis profitierten oder ihre antisemitische Überzeugung teilten.

Dass die „Umsiedlung“ tatsächlich Massenmord bedeutete, erfuhren manche Deutschen nur vom Hörensagen, etwa von Soldaten auf Heimaturlaub. Der Widerstandskämpfer Helmut James Graf von Moltke schrieb 1943: „Mindestens neun Zehntel der Bevölkerung weiß nicht, dass wir Hunderttausende von Juden umgebracht haben.“ Doch selbst das Zehntel, das zumindest ansatzweise Bescheid wusste, hat – von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen – nichts gegen den Holocaust unternommen. - Erst nach Kriegsende erfuhr die Mehrheit der deutschen Bevölkerung das ganze Ausmaß der NS-Gräuel. Manchen wurden sie auf drastische Weise zur Kenntnis gebracht: So zwangen amerikanische Besatzungstruppen die Bevölkerung Weimars, an Führungen durch das benachbarte KZ Buchenwald teilzunehmen, von dessen Existenz jeder am Ort hatte wissen müssen. Doch selbst dann wollten einige die Verbrechen der Nazis nicht wahrhaben.

Dabei waren diese nur die logische Folge dessen, was sich bis in die ersten Kriegsjahre hinein vor aller Augen in Deutschland abgespielt hatte. Niemandem konnte damals verborgen bleiben, dass die Juden nach und nach aus dem gesellschaftlichen Leben verschwanden. Antijüdische Maßnahmen wie der Boykott von 1933 und die reichsweiten Pogrome vom 9. November 1938 fanden auf offener Straße statt. Jeder wusste Bescheid über zahllose Diskriminierungen und Einschränkungen, denen die Juden unterworfen waren: von den Nürnberger Rassegesetzen über Berufsverbote, den Judenstern, die Ghettoisierung und vieles mehr. Zudem kannte jeder Zeitungsleser und Radiohörer Hitlers mehrfach wiederholte Drohung vom 30. Januar 1939, nach der ein neuer Weltkrieg „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ bedeuten würde. Lange vor der Machtergreifung hatte Hitler ähnliche Drohungen bereits in seinem Buch "Mein Kampf" ausgestoßen, das nach 1933 weite Verbreitung fand.

Obwohl der Völkermord an den Juden eine logische Konsequenz der nationalsozialistischen Rassenpolitik war, glaubten damals und glauben noch heute manche Menschen, dass die Bilder und Berichte aus den Konzentrationslagern Bestandteil der britischen und amerikanischen Kriegspropaganda seien. Damals wie heute ist viel Nicht-Wissen über den Holocaust im Grunde ein Nicht-Wissen-Wollen, eine Verdrängung aus Angst, Scham oder Gleichgültigkeit. - Dem widerspricht allerdings der US-Historiker Daniel Goldhagen, der die passive Haltung der allermeisten Deutschen gegenüber dem Holocaust aus einem tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelten Antisemitismus erklärt und als grundsätzliche Zustimmung zum Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten beschreibt.

Zu Beginn der institutionalisierten Verfolgung der jüdischen Bevölkerung profitierten viele Deutsche im Zuge von "Arisierungen" direkt vom Leid ihrer jüdischen Nachbarn. Gegen Kriegsende ließ der Überlebenskampf in den zerbombten Städten kaum einen Gedanken an das noch größere Leid anderer Menschen aufkommen. In den zerstörten Städten ging immer wieder das Gerücht um, der Luftkrieg sei die Vergeltung für das, was man den Juden angetan habe. Dies wird zuweilen als Zeichen eines untergründigen Unrechtsbewusstseins interpretiert, war aber allzu oft auch Ausdruck einer zutiefst antisemitischen Haltung, nach der „die Juden an allem Schuld“ seien oder „Amerika kontrollieren“.

Angesichts der Mittäterschaft oder Gleichgültigkeit der deutschen Bevölkerungsmehrheit sind die seltenen Taten jener nichtjüdischen Deutschen um so höher zu bewerten, die Juden halfen, zu überleben. Der heute wohl bekannteste Vertreter dieser kleinen Gruppe war Oskar Schindler, der rund 1.200 jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung bewahrte.

Die Haltung der Alliierten

Schon vor 1939, vor allem aber nach Kriegsbeginn kritisierten die Alliierten die nationalsozialistische Innenpolitik, darunter auch die Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten. Seit 1942 war ihnen die deutsche Ausrottungspolitik bekannt; seitdem verurteilten sie diese äußerst scharf und begründeten damit auch ihre Kriegstrategie, ohne jedoch gezielte Maßnahmen zur Verhinderung des weitergehenden Holocaust zu ergreifen. Mitte Dezember 1942 sprachen die amerikanische und die britische Regierung eine Warnung aus, dass "die Verantwortlichen einer Vergeltung nicht entgehen" würden. Dieses Vorgehen gegen die Täter im Besonderen folgte aber erst nach Kriegsende.

Als die ersten Nachrichten über die Massenvernichtung eintrafen, versuchte das US-Außenministerium deren Veröffentlichung zu unterdrücken, da sie eine Behinderung ihrer Kriegsanstrengungen fürchtete. Auf Druck der öffentlichen Meinung trat im April 1943 auf Bermuda eine internationale Konferenz zusammen, um Lösungen für Flüchtlinge zu erörtern. Sie verlief aber ergebnislos. Erst nach Intervention des Finanzministers Henry Morgenthau kündigte Franklin D. Roosevelt am 22. Januar 1944 die Einsetzung des War Refugee Board an. Dieses Gremium trug zur Rettung mehrerer Tausend Juden bei.

Die britische Regierung zeigte ihre Haltung durch verschiedene Behinderungen, Unterlassungen und Ausweichmanöver. Als im Dezember einige britische Abgeordnete verlangten, jüdischen Flüchtlingen müsse sichere Zuflucht versprochen werden, lehnte dies der britische Außenminister mit der Begründung ab, es gäbe "Sicherheitsbedenken" und "geografische Probleme". Anfang 1943 wurde bekannt, dass man gegen Hinterlegung einer gewissen Summe in der Schweiz 70.000 rumänische Juden hätte retten können. Die Regierung blockierte jedoch den Plan.

Am schlimmsten verfuhren die sowjetischen Behörden mit den Juden. Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes im August 1939 wurden deutsche Juden - darunter viele Kommunisten, die in Russland Zuflucht gesucht hatten - den Nazis ausgeliefert. Nach Kriegsausbruch blieb die besondere Gefährdung der Juden unberücksichtigt. Die sowjetische Berichterstattung verschwieg die deutsche Ausrottungspolitik. Jüdische Flüchtlinge fanden oft keine Unterstützung durch die Partisanen, wurden von diesen nicht als Mitkämpfer aufgenommen und zum Teil ihrer Waffen und Nahrungsmittel beraubt.

Nach Kriegsende änderte sich die Haltung der Alliierten kaum. In der englischen und amerikanischen Besatzungszone trafen etwa 200.000 jüdische Flüchtlinge ein. Ein englischer General, der die United Nations Relief and Rehabilitation Administration leitete, behauptete, eine jüdische "Geheimorganisation" würde Juden nach Deutschland "schmuggeln". Sie seien "gut gekleidet, wohlgenährt und rotwangig" und besäßen "große Geldbeträge". Mitte 1946 untersagten die englischen Behörden jüdischen Flüchtlingen den Zugang zur britischen Besatzungszone.

Wegen solcher Erfahrungen vermuten manche Vertreter jüdischer Opfergruppen, dass einige führende Kräfte im Westen der Nazipropaganda erlagen, wonach das so genannte "Weltjudentum" den Krieg verursacht habe, um sich der Herrschaft über die angelsächsischen Staaten zu bemächtigen. Eine gesamteuropäische Verantwortung für den Holocaust wurde aber auch in kirchlichen Kreisen nach 1945 betont: oft, aber nicht immer zur Relativierung des deutschen Schuldanteils.

Traumatisierung der Überlebenden

Viele Betroffene, die sich durch Flucht entziehen konnten oder durch oft zufällige Umstände den Tod in den Vernichtunslagern entgehen konnten, litten später unter Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der Psychiater und Psychoanalytiker William Niederland prägte dafür in den 1960er-Jahren den Begriff vom Überlebenden-Syndrom.

Rehabilitierung und Entschädigung

Bis heute müssen Übelebende der Shoah um ihre Rehabilitierung und Entschädigung streiten.

Erklärungsansätze

Angesichts der bekannten Opferzahlen ist es bis heute schwer zu verstehen, warum und wie sich eine große Zahl von Menschen an der Planung, Durchführung und Verheimlichung des Holocaust beteiligen konnte. Eine monokausale Erklärung dafür ist nicht möglich. Die historische Forschung hat ein Bündel von Ursachen untersucht und bisher herausgestellt:

Ökonomische und soziale Motive der Täter

Bürokratische und hierarchische Motive

Pseudowissenschaftliche Motive

Psychologische Motive

 
Die Tatsache, dass „ganz normale Menschen“ derart menschenverachtende Taten begehen konnten, hat Fragen zur Beeinflussbarkeit des Individuums aufgeworfen. Konzepte wie die systematische Ausgrenzung der Opfer aus dem Kreis der eigenen Gruppe zeigen die mögliche Manipulierbarkeit des Einzelnen.

  • Psychologische Experimente der 1960er und 1970er Jahre haben menschliches Verhalten unter Gruppenzwang oder Autoritätsgehorsam untersucht. Bekannt wurden vor allem das Milgram-Experiment und das Stanford-Prison-Experiment mit ihren aufschlussreichen Ergebnissen.

  • Tiefenpsychologische Deutungen stellen einen Zusammenhang zwischen der Verklärung unmenschlicher Erziehungsmethoden und der Gefühlsblindheit gegenüber - besonders autoritärer staatlicher - Gewalt her (Alice Miller, Wilhelm Reich, Erich Fromm, Alexander Sutherland Neill, Alexander Mitscherlich). Leichthin gesagte Sätze wie „Ein Junge weint nicht“ verharmlosen demzufolge unbewusst die seinerzeit verbreitete brutale Kindeszüchtigung.

  • Historische Motive

    Daniel J. Goldhagen stellte die umstrittene These auf, dass sich in Deutschland ein eliminatorischer Antisemitismus entwickelt habe, weil die Deutschen als Volk die Juden für ein Übel hielten, das es zu beseitigen gelte. - Kritiker dieser These betonen, dass sie die Ursachen des Holocaust nur zeitlich weiter in die Vergangenheit verschiebt, aber weiterhin nicht schlüssig erklären kann, warum der Antisemitismus in Deutschland mörderischer war als anderswo.

  • Raul Hilberg, selbst Überlebender des Holocaust, hat in einem umfassenden Standardwerk die langfristige Vorgeschichte des Holocaust in Mitteleuropa untersucht: mit dem Ergebnis, dass besonders der christliche Antijudaismus und die mittelalterliche Judenpolitik der Kirche den Nazis sämtliche Vorbilder und Erfahrungen für ihre systematische Eskalation der Judenverfolgung angeboten hat. Einzig die Vergasung fehlte: vielleicht nur, weil dieses Mittel noch nicht erfunden worden war. - Dieser Erklärungsansatz bettet die Besonderheit des Holocaust in eine historische Kontinuität ein, ohne ihn damit zu relativieren und zu nivellieren. Denn trotz jahrhundertelangem, ebenso intensivem Judenhass, Entrechtung und Ghettoisierung haben frühere Pogrome nie die Systematik und Konsequenz erlangt, die die Nazis an den Juden vollstreckten.

  • Der Holocaust und die extreme Rechte

    Rechtsextremisten in Deutschland und anderen Länderen gingen bereits unmittelbar nach Kriegsende daran, den Holocaust entweder komplett abzuleugnen, ihn zu relativieren oder gar zu verherrlichen.

    Holocaustleugnung

    Alte und neue Nazis, aber auch ihnen nahestehende deutschnationale, faschistische und revisionistische Gruppen und Parteien versuchen immer wieder, die Tatsache des Holocaust im Ausmaß, in Teilen oder gar ganz anzuzweifeln. Sehr oft wird dabei die nationalsozialistische und antisemitische Propaganda von einer Verschwörung der heutigen Siegermächte gegen Deutschland bruchlos übernommen und kaum verhohlen fortgesetzt. Herkunft, Formen, Träger und Verbreitung dieser Ideologie beschreiben die Artikel Holocaustleugnung, Rechtsextremismus und Judenfeindlichkeit heute.

    Historisierung

    Rechtsextreme Geschichtsrevisionisten versuchen, den Holocaust zu relativieren und die Lehren daraus zurückzudrängen, indem sie ihn in größere weltgeschichtliche Zusammenhänge einbetten und damit ein „normalisiertes Geschichtsbild“ herbeizuführen suchen. Sie tun dies, weil die Erinnerung an Auschwitz „Werte“ wie Nationalstolz, Militarismus und Großmachtpolitik für sie langfristig "zersetzt" und diskreditiert.

    Die Kritik an diesen Versuchen stellt nicht grundsätzlich in Abrede, dass die größeren historischen Zusammenhänge und Ursachen des Holocaust erforscht werden müssen. Aber sie bekämpft die häufig damit verbundene Verharmlosung und Herauslösung des Holocaust aus der deutschen Geschichte und ihrer Kontinuität sowie die "entlastende" Fehldeutung von Ursachen und Wirkungen.

    Verherrlichung

    Eine dritte Tendenz findet sich zunehmend unter einer jüngeren Generation von Neonazis: Statt der Leugnung oder Relativierung geschieht hier zunehmend die bewusste Identifikation mit den Tätern des Judenmords und dessen Glorifizierung.

    Alle fehlgeleiteten Formen des Umgangs mit dem Holocaust hängen zusammen und begünstigen einander: Die Verdrängung, Relativierung, Leugnung und Verherrlichung sind nur graduell unterschiedene Stufen einer schleichenden Distanzierung von der eigenen deutschen, schuldhaften Vergangenheit. Sie zeigen symptomatisch die noch nicht vollzogene Verarbeitung des Jahrtausendverbrechens auch in der Mitte der Gesellschaft an. Hierin besteht die Herausforderung für eine angemessene Form der Erinnerung bei denen, die nicht selbst beteiligt waren und immer weniger überlebende Opfer oder Täter befragen können.

    Erinnerung an den Holocaust

    in der heutigen Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen

    Heute erinnern an den Holocaust zahlreiche Mahnmale und Museen in der ganzen Welt. Die bedeutendste Gedenkstätte ist Yad Vashem in Jerusalem. Sie umfasst verschiedene Bereiche, unter anderem ein Museum, ein Dokumentationszentrum, ein Archiv, eine Bibliothek sowie Denkmäler und Skulpturen. Nach einem von der Forschungsgruppe Wahlen e. V. Anfang 2005 im Auftrag des ZDF und der Tageszeitung Die Welt durchgeführten Geschichtstest konnte nur jeder zweite Deutsche unter 24 Jahren den Begriff „Holocaust“ mit dem millionenfachen Mord an den Juden in Verbindung bringen.

    Literatur

    Standardwerke

    Sekundärliteratur

    Verfilmungen

    Schon oft wurde der Holocaust in Filmen oder Fernsehproduktionen thematisiert. Hier eine kleine Auswahl bekannter dramaturgischer Aufarbeitungen in Kino und Fernsehen (Spielfilme):

    Siehe auch

    Weblinks



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