Historismus
Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Stilgeschichte eine Stilrichtung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bei der man auf ältere Stilrichtungen zurückgriff und diese nachahmte. Anders als im Klassizismus wurde nicht nur versucht, die Architektur der klassischen Antike (wie sie in Rom gefunden wurde) zu kopieren, sondern es wurden Architekturformen anderer Epochen, die nunmehr als gleichwertig anerkannt wurden, nachgeahmt. Einen großen Einfluss übte dabei die Romantik aus, die einen Sinn für das historisch Bedingte entwickeln half.
| Inhaltsverzeichnis |
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2 Stilphasen 3 Stile des Historismus 4 Historistische Architektur in ausgewählten Ländern 5 Historismus vor dem Historismus |
Bauten
Zur dieser Zeit stand die Architektur vor neuen Aufgaben: Die Industrielle Revolution erforderte den Bau von Bahnhöfen, Fabriken und Wassertürmen. Zur Linderung der Wohnungsnot mussten mehrstöckige Zinshäuser errichtet werden.Teilweise wurden verschiedenen Baustilen unterschiedliche Funktionen zugeschrieben: Kirchen wurden im Stil der Gotik oder der Romanik gebaut, Banken und Bürgerhäuser im Stil der Renaissance (der großen Zeit der Stadtkultur vor allem in Italien), Adelspalais und vor allem Theater im Barockstil, Fabrikhallen dagegen im "englischen Stil" (meist mit unverputzten Backsteinfassaden)
Viel Wert wurde auf Repräsentation gelegt, was gelegentlich auf Kosten der Funktionalität ging (siehe Universität Wien). Dies ist einer der Gründe, warum der Historismus vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts häufig kritisiert wurde. Auch wurde kritisiert, dass architektonische Zutaten wie Säulen, Medusenköpfe und Akantusblätter rein dekorativ zur Erzeugung einer "historischen Atmosphäre" seien.
Stilphasen
Stilgeschichtlich unterscheidet man zwischen romantischen Historismus (vor 1870), strengen Historismus (1870-1890) und Späthistorismus (nach 1890).
Der Romantische Historismus zeichnet sich durch eine langsame Ablösung vom Klassizismus aus. Bevorzugter Stil sind Neugotik und Neorenaissance, allerdings werden immer wieder "stilfremde" Elemente kombiniert, so dass es sich um keine einfache Nachahmung der historischen Stile sondern um subjektive Interpretationen handelt. Auch Elemente aus nicht-westeuropäischen Stilen (etwa maurisch oder byzantinisch) werden kombiniert. Dies drückte sich auch in einem zeitgenössischen Spottgedicht gegen zwei prominente Architekten dieses Stils aus, deren Hofoper die Zeitgenossen enttäuscht hatte: Sicardsburg und van der Nüll / Haben beide keinen Stüll / Gotisch, Griechisch, Renaissance / Das ist ihnen alles aans.
Der Strenge Historismus dagegen versucht "reine Elemente" des vergangenen Formvokabulars kunsthistorisch korrekt zu kombinieren. Der Subjektivismus des romantischen Historismus wird abgelehnt, versucht wird einen lehrbaren und objektiv richtigen Stil zu finden, der sich aus den Formendetails ableitet. Bevorzugter Stil ist die Neorenaissance.
Im Späthistorismus wird die Orientierung an die Renaissance durch eine Orientierung an den Barockstil (Neobarock) abgelöst. Die strenge Orthographie der vorhergehenden Phase löst sich zugunsten einer freieren Interpretation der Dekorelemente, die auch nicht mehr streng linear angeordnet werden. Ausbuchtende Erker, Risalite, Kuppeln und ausladende Balkone werden beliebt. Allgemein ist ein Zug zu übersteigerter Monumentalität zu beobachten. Einzelne Elemente (etwa die Blumendekors) weisen gelegentlich schon auf den Jugendstil.
Überspitzt könnte man also sagen, dass Historismus mit seinen Anfängen in der Neugotik und seinem Ende im Neobarock die abendländische Baugeschichte der frühen Neuzeit noch einmal durchläuft.
Stile des Historismus
Neugotik
Der (vor allem in Großbritannien) früheste und wichtigste historistische Stil ist die Neugotik. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurden gotische Formen wiederentdeckt, so beispielsweise bei der "Regotisierung" Wiener Kirchen durch Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg um 1805, die allerdings noch einem klassizistischem Zeitgeschmack geschuldet war, so dass viel authentische Gotik verloren ging. In den 1840er Jahren wurde die Gotik immer mehr als Sinnbild einer Architektur der Bürgerfreiheit empfunden. Bedeutendster Vertreter in Österreich war Friedrich von Schmidt
Neorenaissance
Ein wichtiger historistischer Baustil ist die Neorenaissance in England und Frankreich, für die es auch in Deutschland (Klenze – Palais Leuchtenberg) und Österreich (Wiener Staatsoper) Beispiele gibt.Neobarock
Der Neobarock (in Deutschland auch Wilhelminischer Stil) ist ebenfalls ein wichtiger historistischer Baustil. Er findet in der Pariser Oper, dem Brüsseler Justizpalast und dem Berliner Reichstag sowie der Neuen Hofburg in Wien seine Höhepunkte.Andere Stile
Nach 1870 kam in Deutschland der "französische" Stil der Neugotik in Verruf und statt seiner wurde die Neoromanik propagiert. Einzelne romanische Elemente (etwa Säulenkapitelle) wurden aber darüber hinausgehend gern verwendet.Neorokoko trat seltener im Bauwesen als in der Innenausstattung vor allem von Schlössern und Bürgerhäusern hervor. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden etwa Schönbrunn und die Albertina mit einer dem Rokoko nachempfundenen Inneneinrichtung ausgestattet, wofür teilweise sogar authentisches Rokoko geopfert wurde.
Neohistorismus
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt es zu neohistoristischen Strömungen, die sich u.a. im Neoklassizismus ihren Ausdruck suchen.Historistische Architektur in ausgewählten Ländern
Großbritannien
In Großbritannien setzte dies schon Ende des 18. Jahrhunderts ein, ein frühes Beispiel ist die Villa Strawberry Hill, die Horace Walpole um 1775 im neugotischen Stil errichten ließ. Als frühes Meisterwerk der Neugotik gilt auch das Parlamentsgebäude in London aus 1835.
Deutschland
In Deutschland bildete sich mit Karl Friedrich Schinkel zunächst einen ausgeprägter Klassizismus aus. Mit den 1830er Jahren begannen stilistische Mischformen.
Nach 1870/71 breitet sich in Deutschland allgemein ein Eklektizismus genannter Stil aus. Als Initialbau des deutschen, "wilhelminischen" Neobarock gilt eine Wohn- und Geschäftshaus-Bebauung am Beginn der ehem. Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin-Mitte (1887 von Cremer und Wolffenstein).
Weitere historistische Bauwerke in Deutschland:
- Feldherrnhalle München
- Semperoper Dresden
- Gemäldegalerie Dresden
- Schweriner Schloss
Die aufwendige Innenausstattung vieler katholischer Kirchen der Neugotik wurde im Zuge der Umgestaltung gemäß dem zweiten Vatikanischen Konzil vielfach beseitigt und zerstört, weil man deren Stil als Schreinergotik abtat.
Zumindest auf dem Wohnungsmarkt sind heute die Wohnhäuser des späten Historismus (Gründerzeit) wieder begehrt und werden von der Immobilienbranche gerne als Jugendstil-Haus vermarktet.
Links: http://www.historismus.archiv.net/isy.net/servlet/broadcast/page2.html?PARA1=1&PARA2=-1
Österreich
In Österreich ist der Historismus nach wie vor der dominierende Stil der größeren Städte, vor allem in Wien, wo nach diesem Muster ganze Stadtviertel gebaut wurden. Es gab zwei Höhepunkte der Bautätigkeit: beim Bau der Ringstraße, der in den 1860er-Jahren begonnen wurde und bei der Regulierung des Wienflusses um 1900, bei der allerdings teilweise auch schon im Jugendstil gebaut wurde.
Der Historismus lebte in Österreich, wo er sozusagen zum "Reichsstil" wurde, bis 1914 weiter. Um 1900 war Neobarock der häufigste Baustil, der auch "patriotisch" konnotiert war: mit ihm knüpfte man vermeintlich an das 18. Jahrhundert und dessen Kulturblüte in Österreich an.
Die bedeutendsten Gebäude der Ringstraße sind:
- Universität
- Wiener Rathaus
- Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum
- Parlament
- Wiener Staatsoper
- Kriegsministerium
- Wiener Musikverein
- Wiener Konzerthaus
Bedeutende historistische Architekten
- Heinrich von Ferstel
- Theophil Hansen
- Karl Freiherr von Hasenauer
- Eduard van der Nüll
- Gottfried Semper
- August Sicard von Sicardsburg
- Edwin Oppler
Historismus vor dem Historismus
In der Stilgeschichte werden des öfteren absichtsvolle Rückgriffe auf frühere Stilformen auch vor dem 19. Jahrhundert als Historismus bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist die frühneuzeitliche Nachgotik, die gotische Formen noch verwendete, als diese längst von den herrschenden Renaissance- und Barockformen abgelöst waren. Zutreffender spricht man von retrospektiven Tendenzen.
Weblinks
- http://www.uni-freiburg.de/histsem/mertens/graf/retro.htm Auswahlbibliographie Retrospektive Tendenzen in der bildenden Kunst