Geisteswissenschaften
Entgegen einigen (zu Klassifikationsproblemen führenden) Missverständnissen bezeichnet dabei der Ausdruck Geist nicht den individuellen Geist einer Person, sondern den sog. objektiven Geist im Sinne Hegels, der sich in überindividuellen (kollektiven) Phänomenen wie dem Recht oder dem Staat manifestiert.
In diesem Sinne ist die geläufige Einteilung der Wissenschaften in Geistes- und Naturwissenschaften nicht vollständig. Nicht jede Wissenschaft, die keine Naturwissenschaft ist, ist bereits eine Geisteswissenschaft. Die Philosophie, die Theologie oder die Rechtswissenschaft etwa gehören streng genommen zu keiner der beiden Gruppen. Auch die Mathematik ist weder eine Natur- noch eine Geisteswissenschaft; vielmehr lässt sie sich wahlweise als Formalwissenschaft, Strukturwissenschaft, eine Kunstform bzw. als eigene Wissenschaftsklasse einordnen, sofern man jede Wissenschaft wirklich in eine Kategorie einordnen will.
In bezug auf manche Wissenschaften erscheint die Unterscheidung hingegen als nicht disjunkt: Die Psychologie kann sowohl zu den Naturwissenschaften als auch zu den Sozialwissenschaften bzw. Geisteswissenschaften gerechnet werden.
Der Begriff wurde 1849 als Lehnübersetzung von »moral science[s]« (John Stuart Mill) geprägt, bekam seine Prägnanz aber erst durch Wilhelm Dilthey. Dieser definierte sie in scharfer Entgegensetzung zu den Naturwissenschaften durch die ihnen eigene Methode des Verstehens, wie sie als Hermeneutik seit Schleiermacher auch außerhalb der Philologie gebräuchlich geworden war.
Der Aufschwung der Naturwissenschaften seit Anfang des 19. Jahrhunderts war ja einhergegangen mit der Herausbildung neuartiger Disziplinen im Rahmen der alten Philosophischen (Artisten-) Fakultät, die sich durch rigorose Methodik auszeichneten (vergleiche Stichweh); die alte Einheit, die es erlaubte, alles katalogmäßig (wie in einer Bibliothek - Eco) nebeneinander zu stellen, war unwiederbringlich verloren. Damit war ein Großteil der alten Fächer infrage gestellt. Das Konzept der Geisteswissenschaft half diesen, sich zu behaupten und durch methodischen Rigorismus zu modernisieren. So haben sich die alten Fakultätswissenschaften Theologie und Rechtswissenschaft erfolgreich als Geisteswissenschaften neu definiert.
Eine ähnliche und parallel laufende Unterscheidung ist die zwischen nomothetischen, »regelsetzenden« und idiographischen, »beschreibenden« Wissenschaften, die manchmal dazu dient, die Sozialwissenschaften als nomothetisch abzugrenzen.
Zu den Geisteswissenschaften im engeren Sinn zählen unter anderem :
- Archäologie
- Geschichte
- Klassische Altertumswissenschaft
- Kunstwissenschaft
- Musikwissenschaft
- Orientalistik
- Ostasienwissenschaften
- Erziehungswissenschaft (Pädagogik)
- Sportwissenschaft
- Sprach- und Literaturwissenschaft (Linguistik)
- Anglistik, Germanistik, Jiddistik, Romanistik, Sinologie, Slawistik unter anderem
- Theaterwissenschaft
- Volkskunde
- Humanwissenschaften
- Naturwissenschaften
- Gesellschaftswissenschaften
- Ingenieurwissenschaften
- Formalwissenschaften viele zählen die Mathematik oder Logik dazu
- Strukturwissenschaften wie die Informatik
Literatur
- Claudio Gallio (Hrsg.), Freie Laufbahn. Berufe für Geisteswissenschaftler, 2. Aufl. Mannheim 1996
- Florian Keisinger unter anderem (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte, Frankfurt am Main 2003.
- Rudolf Stichweh: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen : Physik in Deutschland ; 1740-1890, Frankfurt/a.M. 1984 ISBN 3-518-57688-7
- Walfried Linden, Alfred Fleissner: Geist, Seele und Gehirn. Entwurf eines gemeinsamen Menschenbildes von Neurobiologen und Geisteswissenschaftlern, LIT-Verlag Münster 2004, ISBN 3825879739