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Ethnosoziologie

Der Begriff Ethnosoziologie wurde von Ludwig Gumplovicz eingeführt und von Richard Thurnwald verwandt, um Ethnologie und Soziologie enger aneinander zu schließen. Unter den deutschen Ethnosoziologen der Gegenwart (2004) ist Georg Elwert besonders hervor getreten. In den USA werden ethnosoziologische Stoffe als Cultural Anthropology, im UK als Social Anthropology bearbeitet (hervor zu heben hier die Manchester School um Max Gluckman). Im Deutschen bezeichnet Kulturanthropologie hingegen eine Fortentwicklung der Volkskunde ("Europäischen Ethnologie").

Die Ethnosoziologie befasst sich mit den sozialen Aspekten, den Beziehungen der Menschen sowie ihrer Begründung und Organisation in den verschiedenen Gesellschaften. Bis zum Ende 1960er Jahre beschäftigte sich die Ethnosoziologie fast ausschließlich mit der Analyse von Verwandtschaft (Kinship), Verwandtschaftssystemen und Verwandtschaftsterminologie. Es wurde angenommen, dass soziale Strukturen, Rechtsvorstellungen und alle Formen der Sozialorganisation in nicht-industrialisiertenen Gesellschaften primär durch Verwandtschaftsbeziehungen bestimmt seien. Damit geriet die Ethnosoziologie unter den Verdacht des Ethno- und des Androzentrismus. US-amerikanische Ansätze unterstellten ihr, Vorstellungen von Verwandtschaft, die sich mit der Industrialisierung in Europa herausgebildet hätten, wie z.B. die Kernfamilie, unhinterfragt zu nicht industriellen Gesellschaften künstlich zu kontrastieren. Auch sei der matrilinearenen Abstammung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden, bzw. es seien matrilineare Systeme mit den Begrifflichkeiten und Analysekonzepten patrilinearerer Systeme untersucht worden (vgl. Keesing 1975). Diese Ansätze wurden wiederum kritisiert.

Seit den 1970er Jahren verlagerte sich der Fokus der ethnosoziologischen Forschung auf das Individuum und die wirtschaftlichen, rechtlichen und kognitiven Bedingungen sozialer Systeme. Es entstanden Studien zu Personen, zu Geschlechterbeziehungen und sozialen Geschlechtsrollen, dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, zu Macht, Staatsorganisation und Organisation sozialer Prozesse. In angrenzenden Bereichen entwickelten sich Forschungen zu den gesellschaftstypischen Denkweisen und Wissensbeständen, ihrer Tradierung und Verbreitung (siehe: Kognitive Ethnologie), sowie auch zur Organisation der indigenen Heil- und Behandlungssysteme (siehe auch: Ethnomedizin).

Literatur

Siehe auch: Anthropologie, Soziales Netzwerk



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