Chormusik
Ursprünge
Die Ursprünge der Chormusik lassen sich auf das antike Drama zurückführen, in dem oft ein aus mehreren Darstellern bestehender "choros" eine erzählende oder kommentierende Rolle spielte. Diesen Part muss man sich aber eher im Sinne eine "Sprechchores" vorstellen.
Mittelalter
In den mittelalterlichenlichen Klöstern und Kirchen entstand eine Art, die Texte der lateinischen Messe vorzutragen bzw. gemeinsam zu rezitieren, die immer mehr bestimmte (vorerst einstimmige) Melodien mit bestimmten Textstellen verknüpfte. Unter Papst Gregor I wurden diese Gesänge gesammelt und zum heute so genannten gregorianischen Choral kanonisiert (Gregorianik).
Aus der ursprünglich reinen Einstimmigkeit entwickelte sich im Lauf der Zeit durch Oktavführung, später auch Quint- und Quartparallelführung ("Organum") die erste Mehrstimmigkeit. Die reine Parallelführung wird später aufgegeben, die zeitlich gleiche Einteilung der Musik bleibt aber noch eine Zeitlang erhalten.
Weil sich die einzelnen Stimmen auch rhythmisch voneinander emanzipieren, werden verschiedene Systeme der Notation notwendig. Auf ein erstes "Modalsystem", dass noch stark an die antiken Versmasse angelehnt ist, folgt gegen 1280 mit der "Ars antiqua" ein erstes Mensuralsystem, in dem die Tondauern durch Zahlen charakterisiert sind, die die Verhältnisse der Notenwerte untereinander angeben. Im 14. Jahrhundert bringt die "Ars nova" weitere Neuerungen und Verfeinerungen des metrischen Systems, aber auch neue Gattungen und Formen. Den Abschluss der Epoche bildet die "Ars subtilior", die die Verfeinerung und Komplizierung so weit auf die Spitze treibt, bis sich mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts ein völlig neuer Stil durchsetzt.
Die Stimmaufteilung ist damals noch eine völlig andere als heute. Hauptstimme ist der "Ténor", dem als Gegenstimme ein "Kontraténor" gegenübergestellt wird. Dazu kommt meist eine tiefere Bassstimme. Höhere Stimmen werden als "Cantus", "Diskant(us)" etc. bezeichnet, auch die Stimmbezeichnung "Alt(us)" bedeutete, abgeleitet von. lat. "altus" = "hoch" ursprünglich eine hohe (Männer-)Stimme.
Der A Cappella-Stil der Renaissance
Bei Dufay, also in der frühen Epoche der franko-flämischen Musik, finden sich bereits komplett textierte dreistimmige Sätze.
Im 16. Jahrhundert ist die Chormusik in der Neuzeit angekommen. Etwa ab dem Innsbrucklied von Heinrich Isaac (ca.1450 - 1517) kann von einem mehrstimmigen Satz A Cappella gesprochen werden.
In der Renaissancemusik bedeutet a cappella keineswegs, dass keine Instrumente verwendet werden dürfen. A Cappella meint wohl eher, dass alle Stimmen vollständig textiert sind, so dass keine Instrumente notwendig sind, um den Satz adäquat zu besetzen. Als Hauptvertreter dieser Musikform sind Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525 - 1594) und Orlando di Lasso (1534 - 1594) zu nennen. Vor allem ist hier die Musik ein "Vehikel", um Text zu präsentieren.
Im Laufe des 16. Jahrhunderts werden die Chöre immer größer, so dass der Chor auch geteilt werden kann. Die Mehrchörigkeit entsteht.
Die Chormusik der Reformationszeit
Etwas älter als der A Cappella-Satz ist das instrumentalbegleitete Tenorlied. Sein Meister ist Ludwig Senfl (1486 - 1543/44). Das Tenorlied besteht aus einer textierten Melodie, einem cantus firmus, zu dem als komplexer instrumentaler Kontrapunkt ein deutlich tiefer erklingender Bass sowie zwei Oberstimmen hinzutreten. Gelegentlich ist es möglich, auch die Instrumentalstimmen zu textieren.
Diese Tatsachen nutzen die Komponisten der Reformationszeit für ihre erbaulich-weltlichen Gesänge (z.B. Ein feste Burg ist unser Gott). Diese bestehen ebenfalls aus dem cantus firmus, zu dem weitere Stimmen treten, jetzt nicht mehr instrumentale, sondern vollkommen textierte. Es bildet sich also auch ohne päpstlichen Wunsch eine Art a cappella-Stil heraus. Hauptvertreter dieser Richtung ist der Luther-Intimus Johann Walter (1496 - 1570), der auch als Gründer der Dresdner Hofkapelle gilt.
Der Opernchor
Bis hin zur Moderne ändert sich in der Chormusik nicht mehr viel. Romantische Chöre sind bisweilen von denen der Renaissance für Laien kaum zu unterscheiden. Lediglich Komponisten wie Anton Bruckner und Max Reger verstanden es, durch eine kühne Harmonik neue Akzente zu setzen.
Anmerkung: das Ohr ist daran gewöhnt, dass der cantus firmus (die Hauptstimme (oder auch Melodie) meistens in der Oberstimme liegt. Bei Aufführungen älterer Musik (mit "verstecktem" cantus firmus) ist die Melodie nicht immer so leicht zu erkennen.
Ende des 16. Jahrhunderts wird der Chor zunehmend funktional, vor allem in der Oper. Das entwickelte sich Ende des 16. Jahrhunderts auf Grund eines Missverständnisses. Man meinte nämlich, dass die Dramen der griechischen Antike gesungen gewesen seien. Es war also ein willkommener "Kurzschluss" - verfügte man ja inzwischen über ein entwickeltes "Chorwesen" (das man auch einsetzen wollte).
Chöre blieben aber, vor allem im bürgerlichen Kunstverständnis, zu allen Zeiten die Glanzlichter der Opernaufführungen.
Chormusik heute
Neben den professionellen Opern- Rundfunk- und Konzertchören mit ausgebildeten Sängern gibt es unzählige Chöre (Kirchenchöre, Gesangvereine), die sich der Chormusik widmen. Das Singen in Chören ist auch heute noch für viele Menschen ein beliebtes Hobby.
Die häufigsten Besetzungen sind:
- Der Gemischte Chor (SATB oder auch SAMännerstimme), in dem meist in den Stimmlagen Sopran, Alt, Tenor und Bass gesungen wird.
- Eine Variante zum Gemischten Chor ist die Integrative Kantorei. In ihr gehören Instrumentalisten zum festen Bestand des Chores.
- Der Männerchor, dessen Besetzung meist 1. und 2. Tenor sowie 1. und 2. Bass ist (TTBB aber auch nur TTB).
- Daneben sind aber auch andere Varianten denkbar, wie die Mitwirkung von hohen Männerstimmen "Countertenor" als "Diskant" oder "Alt".
- In England hat sich eine Tradition von Chören erhalten, die reine Männerchöre mit Knabenchören wieder zu einem "gemischten Chor" vereinigen. Diese Kombination wird auch gerne bei Aufführungen verwendet, die sich an historischer Aufführungspraxis orientieren. Weil das Singen in Kirchen Frauen in früheren Jahrhunderten oft verboten war, schrieben die Komponisten ihre Chorwerke für "gemischten" Knaben- und Männerchor.
- Der Frauenchor (SSA)
- Der Kinderchor und der Knabenchor sind nur aus verschiedenen Sopran- bzw. Altstimmen zusammengesetzt sind.
Zur Geschichte der Gesangvereine
Die eigentliche musikalische Neuerung im 19. Jahrhundert war der Männerchorgesang. Er entstand im Zuge der Umgestaltung des Geisteslebens in der Zeit der Aufklärung. Die volkstümlichen Werte, die zunehmend patriotische Haltung und die Freude am geselligen Kreis standen dabei im Mittelpunkt. In der Zeit der Romantik (in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) kamen auch wieder die alten Volkslieder zu Ehren. Der unbegleitete vierstimmige Männerchor trat jetzt an die Stelle des von Männer-, Frauen- und Knabenstimmen getragenen Gesangs. In Verbindung mit der politischen und sozialen Aufklärung sollte auch die musikalische Volksbildung gefördert werden. Der Chor als "Verein" mit Satzungen, einem Vorstand, später mit Fahnen und Pokalen entstand. Carl Friedrich Zelter (* 1758; † 1832) und vor allem Friedrich Silcher (* 1789; † 1860) haben die musikalische Entwicklung des Chorwesens in dieser Zeit entscheidend mitgeprägt und beeinflusst (in der Schweiz Hans Georg Nägeli).
Die Vereine gaben sich oft romantische Namen. Verbrachte ein Musikbeflissener ein paar Tage am "goldenen Rhein", gründete er z. B. auch an der Weser einen Chor mit dem Namen "Loreley" oder "Stolzenfels". Rauhe Männerkehlen versammelten sich in der "Eintracht" oder nannten ihren Verein liebevoll "Concordia" oder "Zu Vögleins Freude". Die Gefühle der Sangesfreudigen waren zunächst patriotisch und naturverbunden. Das Vereinsleben und das Singen im Verein (vor allem in den Arbeitergesangvereinen) sollte wohl auch ein wenig von der oft harten Tagesarbeit ablenken. Die Inhalte der gesungenen Chortitel waren nach dem ersten mehr "politischen Aufbruch" entsprechend: Heimatland, der deutsche Wald, Lieder vom goldenen Rebensaft und von der Liebe. Orte, die heutzutage von Touristen überquellen, wurden als stille und romantische Orte besungen: "Zu Rüdesheim in der Drosselgass" Und immer wieder der "Vater Rhein". In den Liedern zog man als "Spielmann" oder "Jäger" durch die Lande - und fühlte sich frei wie ein "Zigeuner".
Zur Aufführung und Pflege großer Oratorien wurden um die Jahrhundertwende (19./20.) auch gemischte Chöre gegründet. Die Jugendbewegung in Deutschland, um 1920, brachte dem "Chorwesen" zusätzlich neuen Auftrieb. Gleichzeitig setzte man sich für eine Erneuerung der bürgerlich-städtischen Musikkultur ein:
- eine spezielle Ausbildung für den Musiklehrer
- Musische Gymnasien (mit Schulchören)
- Musikalische Bildung von Kindern
- Sing- und Musizierwochen
- Offene Singen für jedermann
Nach dem 2. Weltkrieg fanden sich die wenigen Übriggebliebenen wieder in ihren Vereinen zusammen (zunächst kamen auch noch neue Mitglieder dazu); aber je mehr man sich reale Reisen und romantische Erlebnisse in der Wirklichkeit leisten konnte, mit zunehmendem Wohlstand also, desto weniger musste man das "nur in Gedanken" in den Chorliedern suchen. Das allmähliche Sterben der "alten" Vereine begann, auch infolge Überalterung und Nachwuchsmangel.
Neue Chöre
Gleichzeitig traten neue, meist junge Chöre auf: Chöre an Schulen, Kirchen und Rundfunkanstalten. Die entdeckten die "alten" Chorwerke (von Isaac, di Lasso, Gastoldi, Palestrina, Schütz, Bach u. a.) für sich - und es kamen die neueren Werke von Hugo Distler, Ernst Pepping, Paul Hindemith, Kurt Hessenberg, Franz Tischhauser, Günter de Witt und Volker Gwinner (um nur einige zu nennen) dazu. Trotz des Niedergangs des allgemeinen Singens gab es noch nie so viele Singegruppen wie in unserer Zeit.
Kamen früher oft nur "Laiensänger" zum Singen in den Chören zusammen, sind es heute (oft) ausgebildete Sänger, die sich in meist jungen Chören treffen. Ihr Chorrepertoire reicht von den "Alten Meistern", über Brahms, über den Barbershop, den Songs der Comedian Harmonists, dem Jazzgesang in vielen Facetten, Gospel- und Spiritualsongs, Pop- und Cover-Songs mit Zeitbezug zur oft englischsprachigen radiopräsenten Alltagsmusik, über Folklorebearbeitungen aus aller Welt bis hin zu Musicalbearbeitungen und zu Stücken mit oft erstaunlicher Gesangsakrobatik.
Diese Chöre müssen natürlich auch irgendwie organisiert werden; aber bei allen steht die "Vereinsmeierei" nicht mehr im Vordergrund: sie muss programmatisch vermieden werden; moderne Menschen lehnen die Dominanz irgendwelcher Macht über ihr reines Musikinteresse deutlich ab.
Bekannte Chorlieder im 19. Jahrhundert
(Auswahl) Die Lieder lassen sich in vier Kategorien einteilen:- Neuschöpfungen
- Wiederentdeckte Volkslieder
- Lieder mit Melodien zu älteren Texten
- Lieder mit Texten zu älteren Melodien
Patriotische Lieder
- Freiheit, die ich meine (Text: Max von Schenkendorf • Melodie: Karl Groos)
- Flamme, empor (Text: J. H. Chr. Nonne • Melodie: K. T. Gläser)
- Ich hab mich ergeben (Text: H. F. Maßmann • Melodie: Volksweise vor 1923)
Politische Lieder
- Feiger Gedanken (Text: Johann Wolfgang v. Goethe • Melodie: Johannes Brahms)
- Es geht bei gedämpfter Trommel Klang (Text: Adalbert von Chamisso • Melodie: Friedrich Silcher)
- Die Gedanken sind frei (Text und Melodie: Traditional)
- Bet und arbeit! (Text: Georg Herwegh • Melodie: Peter Heinz)
Berichtende Lieder
- Ich stand auf hohem Berge (Text und Melodie: Traditional)
- Es war ein König in Thule (Text: Johann Wolfgang v. Goethe • Melodie: Carl Friedrich Zelter)
- Es waren zwei Königskinder (Text und Melodie: Traditional)
- Ich weiß nicht, was soll es bedeuten (Text: Heinrich Heine • Melodie: Friedrich Silcher)
Arbeit | Beruf
- Frisch auf, der Bergmann kommt (Text und Melodie: Traditional)
- Glück auf, der Steiger kommt (Text und Melodie: Traditional)
- Auf, auf, zum fröhlichen Jagen (Text: Gottfried Benjamin Hancke • Melodie: Volksweise)
- Auf, Matrosen, die Anker gelichtet (Text: Wilhelm Gerhard • Melodie: August Pohlenz)
- Ich hatt' einen Kameraden (Text: Ludwig Uhland • Melodie: Volksweise)
- Es, es, es und es (Text und Melodie: Traditional)
Heimat | Natur
- Der Mond ist aufgegangen (Text: Matthias Claudius • Melodie: Johann Abraham Peter Schulz)
- Am Brunnen vor dem Tore (Text: Wilhelm Müller • Melodie: Franz Schubert)
- Wohlauf, noch getrunken (Text: Justinus Kerner • Melodie: Volksweise)
- Der Mai ist gekommen (Text: Emanuel Geibel • Melodie: Justus W. Lyra)
- O Täler weit, o Höhen (Text: Josef von Eichendorff • Melodie: Felix Mendelssohn Bartholdy)
- Kein schöner Land (Text und Melodie: Wilhelm von Zuccalmaglio)
Liebeslieder
- Kein Feuer, keine Kohle (Text und Melodie: Traditional)
- Wenn alle Brünnlein fließen (Text und Melodie: Traditional)
- Das Lieben bringt groß Freud (Text und Melodie: Traditional)
- Ännchen von Tharau (Text: Simon Dach • Melodie: Friedrich Silcher)
- Ach, wie ists möglich dann (Text: Helmina von Chézy • Melodie: Friedrich Kücken)
- Sah ein Knab ein Röslein stehn ( Text: Johann Wolfgang v. Goethe • Melodie: Heinrich Werner)
- Mein Mädel hat einen Rosenmund (Text und Melodie: Wilhelm von Zuccalmaglio (nach einer Volksweise)
- Ade zur guten Nacht Text und Melodie: Traditional)
- Dein Herzlein mild (Text: Paul Heise • Melodie Johannes Brahms)
Geselligkeit | Kinderlied
- Freut euch des Lebens (Text: Martin Usteri • Melodie: Hans Georg Nägeli)
- Gestern Abend war Vetter Michel da (Text und Melodie: Traditional)
- Der Schneider Jahrstag (Text und Melodie: Traditional)
- Der Kuckuck und der Esel (Text: Heinrich Hoffmann v. Fallersleben • Melodie: Karl Friedrich Zelter)
- Der Kuckuck auf dem Zaune saß (Text und Melodie: Traditional)
- Die Vogelhochzeit (Text und Melodie: Traditional)
- Wenn die Bettelleute tanzen (Text und Melodie: Traditional)
- Drunten im Unterland (Text: Gottfried Weigle • Melodie: Volksweise)
- Schlaf, Kindlein, schlaf (Text und Melodie: Traditional)
- Guten Abend, gut Nacht (Text: aus "Des Knaben Wunderhorn"; 2. Vers: Georg Scherer • Melodie: Johannes Brahms)
Feiertag | Feierstunde
- Brüder, reicht die Hand zum Bunde (Text: Dichter unbekannt • Melodie: Wolfgang Amadeus Mozart zugeschrieben)
- Üb immer Treu und Redlichkeit (Text: Ludwig Christian Hölty • Melodie: nach Mozart (Zauberflöte)
- In allen guten Stunden (Text: Johann Wolfgang v. Goethe • Melodie: Carl Friedrich Zelter)
- Des Jahres letzte Stunde (Text: Johann Heinrich Voss • Melodie: Johann Abraham Peter Schulz)
Weihnachtslieder
- Maria durch ein Dornwald ging (Text und Melodie: Traditional)
- Still, still, still (Text und Melodie: Traditional)
- Stille Nacht, heilige Nacht (Text: Josef Mohr • Melodie: Franz Gruber)
Statistik im Jahre 2002
Es wird weiter gesungen! - in etwa 61.000 Chören mit 1,8 Millionen aktiven Sängerinnen und Sängern.Chorsparten in Deutschland:
- 27508 Gemischte Chöre (45,2%)
- 18790 Kinder- und Jugendchöre (30,9%)
- 09641 Männerchöre (15,9%)
- 04861 Frauenchöre (8,0%)
- (dazu kommen die Chöre, die keinem Chorverband angeschlossen sind)