Bevölkerungsrückgang
Der Bevölkerungsrückgang in der spätmodernen Industriegesellschaft tritt besonders seit den 1990er Jahren in Erscheinung. So gab es im Jahre 2003 schon einige Industrieländer mit nennenswertem Bevölkerungsrückgang, wie zum Beispiel Bulgarien, Italien, Russland, die Ukraine oder Ungarn. In Zukunft werden weitere Industriestaaten mit diesem Umstand konfrontiert sein. Der nätürliche Bevölkerungsrückgang in einigen wenigen Entwicklungsländern, die zuvor sehr hohe Zuwachsraten verzeichneten, wie zum Beispiel Botswana (-0.55% im Jahre 2003), Simbabwe oder Südafrika, lässt sich hingegen nur auf die AIDS-Epedemie zurückführen. Diese Art von Bevölkerungsrückgang ist damit ein indirektes Resultat der malthusianistischen Bevölkerungstheorie.
Situation in den Industriestaaten
In den entwickelten Industrienationen, insbesondere in Europa, ist schon seit der Einführung der Anti-Baby-Pille Ende der 1960er Jahre ein natürlicher Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen (Pillenknick), der jedoch durch die Einwanderung bisher mehr als ausgeglichen werden konnte. Die langfristig abnehmende Geburtenrate führt jedoch nicht nur zur Relativierung dieses Wanderungsüberschusses, sondern auch zu sozialpolitischen Problemen, vor denen Demographen schon lange gewarnt hatten.
Zum einen ist die Infrastruktur der Industriestaaten eher auf Wachstum als auf Schrumpfung ausgelegt; die Folgen sind leerstehende Häuser, vor allem renovierungsbedürftige Altbauten, die oft erhaltenswert wären, der Wegfall von Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs oder die Schließung von Dorfsupermärkten.
Zum anderen ist das Rentensystem der industrialisierten Staaten so aufgebaut, dass jetzige Beitragszahler für jetzige Rentenempfänger bezahlen müssen (Generationenvertrag). Die Folge ist, dass weniger Beitragszahler für mehr Empfänger bezahlen müssen, wodurch wahlweise die Beiträge steigen oder die Renten sinken. Die Umstellung auf alternative Systeme, wie eine anlagegestützte Selbstversorgung für die eigene spätere Rente, wird zwar teilweise durchgeführt, ist aber schwer komplett umsetzbar und ändert nichts am Problem, dass immer weniger Leute arbeiten und immer mehr Menschen in Ruhestand gehen werden. Statt Rentenabsenkungen hätte man vermutlich später einen inflationären Effekt, da mehr Menschen ihre Einlagen auszahlen lassen, als junge Menschen neue anlegen.
Eine weitere Folge des Bevölkerungsrückgangs ist die Umwandlung der Alterspyraminde hin zu einer Form, die als "Alters-Dönerspieß" beschrieben werden kann: Eine Bevölkerungsstruktur mit wenigen Kindern und jungen Menschen, aber mit vielen alten Menschen; die Kurve fällt dann erst im hohen Ater wieder ab. Dies hat auch soziale Folgen: Die Gesellschaft "überaltert" und wird kinderarm, Schulen und Kindergärten werden geschlossen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Pflegepersonal.
In manchen Fällen ist auch zu beobachten, dass die Gesellschaft kinderfeindlicher wird oder sich zumindest von Kindern entfremdet. Der letzte Umstand ist jedoch keineswegs auf den natürlichen Bevölkerungsrückgang zurückzuführen, sondern auf gesellschaftliche Veränderungen, die gleichzeitig die Wurzel des Bevölkerungsrückganges darstellen. Dazu gehört vor allem die Wandlung der gesellschaftlichen Stellung der Frau von einer für Haushalt und Kinder zuständigen Person hin zu einer berufstätigen Person, die ihre Bedürfnisse, also den Kinderwunsch, auch dementsprechend umstellt.
Als Folge dieser Entwicklung wird versucht, den Bevölkerungsrückgang aufzuhalten oder zumindest zu bremsen. Dazu wird eine Familienpolitik geführt, die Kinder und Eltern finanziell unterstützt und Betreuungseinrichtungen fördert. Dabei muss man jedoch sehen, dass Paare mit Kindern oft schon deswegen finanziell benachteiligt sind, weil wenigstens die Frau eine zeitlang beruflich aussetzen muss und dadurch zum einen weniger Rentenbeiträge ansammelt, zum anderen Nachteile in der beruflichen Laufbahn in Kauf nehmen muss.
Zudem ist es umstritten, ob diese Förderungen überhaupt dazu führen, dass mehr und früher Kinder geboren werden. Denn einerseits gibt es zwar ein Nord-Süd-Gefälle in Europa: In Skandinavien mit einer vorbildlichen Familienpolitik werden deutlich mehr Kinder geboren als in Südeuropa. Andererseits kann man diesen Effekt innerhalb Deutschlands so nicht beobachten: In den östlichen Bundesländern ist die Betreuung durch Kindertagesstätten aufgrund der DDR-Geschichte deutlich besser ausgebaut als in Westdeutschland, während gleichzeit die Arbeitslosigkeit deutlich höher liegt als im Westen, weshalb es mehr Frauen geben muss, die wegen einer Schwangerschaft ohnehin keine beruflichen Nachteile befürchten müssen. Trotzdem ist die Geburtenrate im Osten Deutschlands nicht signifikant höher als im Westen.
Der Bevölkerungsrückgang stellt zweifellos ein soziales Problem dar. Dass er auch ein wirtschaftliches Problem darstellt, konnte empirisch nicht bewiesen werden. Bei den ehemaligen Ostblockländern beispielsweise sind die Wirtschaftskrisen der 1990er Jahre nicht auf den beginnenden Bevölkerungsrückgang, sondern auf die Umstrukturierungen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zurückzuführen. Die Schrumpfung einer Volkswirtschaft in einem von Bevölkerungsrückgang betroffenen Land weist nicht auf die Senkung des Lebensstandards hin. Dazu dient das Pro-Kopf-Einkommen als Indikator.
Situation in den Entwicklungsländern
Wie erwähnt, sind derzeit nur wenige unterentwickelte Länder von einem Bevölkerungsrückgang betroffen, und zwar die Staaten, die mit dem AIDS-Problem konfrontiert sind. Bei derzeit sich im Übergang zur Industriegesellschaft befindenden Entwicklungsländern wie der Volksrepublik China und Indien ist im Sinne des globalen Umweltschutzes ein Bevölkerungsrückgang durchaus erstrebenswert. Allein die beiden letztgenannten Länder mit zusammen 2,3 Milliarden Menschen werden langfristig ihren Wohlstand steigern und damit durch zunehmende Industrie und Motorisierung die Erdatmosphäre stärker als bisher belasten.
Nebenbei
Auch im Altertum hatte man mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der römische Kaiser Augustus erließ Ehegesetze, die das Problem des Bevölkerungsrückstands lösen sollten. Männer von 25 bis 60 und Frauen von 20 bis 50 Jahren hatten demnach verheiratet zu sein. Falls nicht, mussten sie Bußgelder entrichten. (siehe: Die Ehegesetze des Augustus (engl.))