Awaren
Die Awaren (auch Avaren) waren ein turko-mongolischeses Reitervolk Innerasiens, dessen ethnische und sprachliche Herkunft nicht völlig geklärt ist. Es beherrschte im Frühmittelalter rund 218 Jahre lang Mitteleuropas Geschichte.
| Inhaltsverzeichnis |
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2 Herkunft der Awaren 3 Geschichte 4 Literatur 5 Weblinks |
Namensherkunft
Die Volksbezeichung "Aware" stammt jedenfalls aus dem turksprachigen Raum. Er ist wahrscheinlich mit "Nomade" zu übersetzen, da auch im heutigen Türkeitürkischen das Wort avare noch die Bedeutung "Vagabund", "Nomade" oder auch "Faulenzer" hat.
Herkunft der Awaren
Es ist anzunehmen, dass die Awaren turkvölkischer Herkunft waren. Laut dem chinesischen Geschichtsbuch Liang-shu waren die "War" zeitweilig Vasallen beziehungsweise Angehörige der Rouran, einem Volk proto-mongolischerer Herkunft. Die uns überlieferten Namen ihrer Khagane sind überwiegend turksprachigen Ursprungs. Es wird aber auch ein finno-ugrischer Ursprung der Awaren in Betracht gezogen.
Möglicherweise praktizierten die Awaren - genauso wie die Hunnen - die zur Zierde dienende Verformung des Schädels (Makrokephalie).
Geschichte
Nach chinesischenen Chroniken sollen die "War" ursprünglich ein aus dem Tarimbecken nach Afghanistan ausgewanderter Zweig der Yüe-tschi gewesen sein. Bald nach einer Niederlage gegen die Chinesen tauchten sie 463 als neue Gruppe am Schwarzen Meer auf, die sich selbst "War und Hunni" (evtl. ein Hinweis auf Reste vom Reitervolk der Hunnen) nannte. Die Awaren waren in der Folgezeit auch ein führender Zweig der Hephthaliten und hatten ihren Wohnsitz wahrscheinlich am Aralsee. Bei ihnen handelt es sich also um ein Mischvolk, das Vorfahren sowohl in den Steppen Zentralasiens als auch in Europa hatte.
Nach 555 zogen die Awaren unter dem Druck der Göktürken nach Westen und wurden 558 Föderaten des Byzantinischen Reichs. Um 560 besiegten sie die Hunno-Bulgaren am Schwarzen Meer, zogen aber wegen der sie verfolgenden Göktürken weiter. Gemeinsam mit den Langobarden zerstörten sie 567 das Reich der Gepiden, das sich im späteren Siebenbürgen befand.
Mitte des 6. Jahrhunderts hatten sie die Herrschaft über Pannonien und ließen sich vor allem im Karpatenbecken nieder. Schon früh fand eine gemeinsame Besiedlung zusammen mit den Slawen statt, wie u.a. Grabfunde aus Hennersdorf/Wien zeigen. Sie vermischten sich aber auch mit den in der Ungarischen Tiefebene verbliebenen Schwarzen Hunnen, die in ihrer Sprache, Kultur und Lebensweise noch am ähnlichsten waren.
Ende des 6. Jahrhunderts reichte ihr Einflussgebiet von der Ostsee bis zur Wolga. Unter ihrem Herrscher Bajan stellten sie eine Großmacht dar, die es sich leisten konnte, vom Byzantinischen Reich Tribut zu fordern.
Bis zum Ende des 8. Jahrhunderts beherrschten sie ganz Pannonien (heutiges Ungarn), das östliche Österreich einschließlich Kärntens (Karantanien), sowie Slowenien und Kroatien, sahen sich aber zunehmenden Angriffen von Bulgaren und Slawen ausgesetzt. Die Awaren gaben Anlass zur Gründung einer östlichen Grenzmark (Ostarrichi), weil sie Karl den Großen um 800 veranlassten, zum Schutz der Reichsgrenzen eine Awarenmark (später marchia orientalis genannt) einzurichten.
In den Feldzügen zwischen 791 und 803 schlug der fränkische König (und ab 800 Kaiser) Karl I. die Awaren vernichtend. Die Awaren verloren nun den Kontakt mit den übrigen Steppenvölkern und wurden langsam seßhaft.
Das Volk Awaren ging überwiegend in den heutigen Ungarn und zum kleineren Teil in einigen südslawischen Völkern auf. Hierfür gibt es möglicherweise genetische Belege. So zeigten molekulargenetische Untersuchungen an Y-Chromosomen in der kroatischen Bevölkerung für Menschen der kroatischen Insel Hvar Merkmale, die auf eine zentralasiatische Abstammung hinweisen.
Im Namen Banat verbirgt sich der awarische Fürstentitel "BAN" (nach Bajan Khagan, dem berühmten Heerführer), der später als Banus an die Kroaten überging.
Nicht mit den in diesem Absatz abgehandelten Awaren verwandt ist das gleichnamige kaukasische Volk in der russischen Teilrepublik Dagestan, das dort als Awaren und im allgemeinen präziser als Neu-Awaren bezeichnet wird.
- siehe auch: Alttürkische Sprache/Awarische Sprache
Literatur
- Pohl, Walter: Die Awaren, Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567-822 n.Chr. München 2002. - ISBN 3-406-48969-9, (Publikation zu den frühmittelalterlichen Awaren aus der Sicht eines der angesehendsten Historiker auf diesem Gebiet. Standardwerk!)
- Lovorka Bara, Marijana Perii, Irena Martinovi Klari, Siiri Rootsi, Branka Janiijevi, Toomas Kivisild, Jüri Parik, Igor Rudan, Richard Villems and Pavao Rudan: Y chromosomal heritage of Croatian population and its island isolates, European Journal of Human Genetics (2003) 11, 535-542. (Medizinische Studie zu Genvergleichen, von Fachleuten eher kritisch beurteilt)
- Sinor, Denis: The Cambridge History of Early Inner Asia. Cambridge 1990.(Publikation zu reiternomadischen Völkern in Mittel-und Innerasien, empfehlenswert)
- Szentpéteri, József (Hrsg.): Archäologische Denkmäler der Awarenzeit in Mitteleuropa. Varia archaeologica Hungarica 13. Budapest 2002. - ISBN 9-63739-178-9, ISBN 9-63739-179-7 (Lexikonartige, kryptisch kurze Zusammenstellung tausender archäologischer awarenzeitlicher frühmittelalterlicher Fundorte, meist Gräberfelder, wichtig als Literaturnachweis)
- Breuer, Eric: Byzanz an der Donau. Eine Einführung in Chronologie und Fundmaterial zur Archäologie im Frühmittelalter im mittleren Donau Raum. Tettnang, 2005. - ISBN 3-88812-198-1 (Neue Standardchronologie zur awarischen Archäologie, Standardwerk)
- Die Awaren am Rand der byzantinischen Welt. Studien zu Diplomatie, Handel und Technologietransfer im Frühmittelalter. Innsbruck 2000. - ISBN 3-70300-349-9 (Sammelband mit kurzen Aufsätzen verschiedener Autoren zu geographisch, formenkundlichen Zusammenhängen, insbesondere byzantinischem Einfluß; sehr lesenswert!)
- Reitervölker aus dem Osten. Hunnen + Awaren. Burgenländische Landesausstellung 1996, Schloß Halbturn. Eisenstadt 1996. (Ausstellungskat. mit einem Rundumschlag zu allen archäologischen Themenbereichen, besonders für Laien als Einstieg empfehlenswert)
- Weblink: Studien zur Archäologie der Awaren (1984 ff.) und zahlreiche weitere Publikationen von Falko Daim
Weblinks
- Artikel "Awaren" im Österreich-Lexikon
- HomePage der Ausstellung Reitervölker aus dem Osten, Hunnen + Awaren, Burgenländische Landesausstellung 1996
- Awarische Funde
- Awarenfunde bei Wien, Karte (Anm: Die nördliche und nordwestliche Grenze des Awarenreichs ist auf dieser recht vereinfachten Karte falsch eingezeichnet, sie verlief viel südlicher)